September 9th, 2006
Blackout

Nervöses Seufzen. Ein Blick auf die Uhr. Nassgeschwitzte Hände, die sich am Kugelschreiber festklammern. Der Kopf ist leer. Leer wie das Blatt, das vor ihm liegt. Unbeschrieben. Was ist los? Stundenlanges Auswendiglernen von Daten. Und heute? Nichts. Als hätte er sich nie mit dem Thema befasst. Unsichere Blicke zur Seite. Alle anderen schreiben schon längst. Selbst sein bester Freund Tom, der gestern sicher wieder bis in die Nacht reingefeiert hatte. Er flucht. Warum hat er sich nicht näher zu ihm gesetzt? Dann könnte er ihm jetzt helfen. Aber er? Setzte sich natürlich neben Klassenstreberin Klara. Na toll!
Versuche auf sich aufmerksam zu machen. „Hilf mir, bitte!“ Genervte Blicke von Klara. „Pssssst“
Also nicht. Panik steigt in ihm hoch. Er musste sich wohl selbst helfen. Aber wie? Er starrt auf das weiße Papier auf seinem Tisch, auf die 5 Aufgaben, die er bearbeiten muss. „Erläutern Sie den Verlauf des deutsch-französischen Kriegs.“ Na toll.. Wie war das bloß? Womit hatte der Krieg begonnen? Es war zum verrückt werden. Hatte er tatsächlich alles über Nacht vergessen? Irgendwas mit Napoleon. Aber das half ihm jetzt auch nicht weiter. Wenn er jetzt nicht bald etwas schrieb, würde er eine 6 schreiben.Verdammt. Sein Herz klopft wieder stärker. Wieder dieses mulmige Gefühl in seinem Bauch. Er fühlt sich elend. „Ich muss hier weg“ Mit einem lauten Geräusch schiebt er seinen Stuhl zurück, steht auf und rennt der Tür des Prüfungsraums entgegen. Er kommt am Pult von Tom vorbei. Dieser wirft ihm nur einen verwirrten Blick zu. Dann hat er die Tür erreicht, schließt sie knallend. Keuchend läuft er zur Herrentoilette.
Ängstliche Augen starren ihn aus dem Spiegel an. Er sieht schrecklich aus. Blass wie ein Gespenst, Schweißperlen rinnen von der Stirn. Er lässt kaltes Wasser über seine Hände laufen. Dann greift er zum Papierhalter, um sich die Hände abzutrocknen. Natürlich wie immer kein Papier drin! Das stellt er beim Blick in den Halter fest. Aber was ist das? Mit spitzen Fingern fischt er einen zerknitterten Zettel heraus. Ein Spicker! Plötzlich ist er hellwach. Liest aufgeregt, was auf dem Zettel steht. Sein Herz hüpft vor Freude. Es sind Geschichtsdaten. Daten, die ER benötigt! Was für ein Glück für ihn, dass sie hier liegen. Jetzt bloß schnell! Hektisch zieht er einen Kugelschreiber aus der Hosentasche und kritzelt sich einige der Daten auf die Arme und Handflächen. Dann stopft er den Zettel zurück in den Papierhalter und verlässt die Toilette. Nun aber ab in das Klausurzimmer zurück! Noch etwas weniger als 1 Stunde Zeit.
Während er weg war, hat sich nichts verändert. Die anderen aus seiner Klasse schreiben immer noch eifrig an ihren Klausurtexten. Er setzt sich zurück an seinen Platz und beginnt zu schreiben. Auf einmal fällt ihm das gar nicht mehr so schwer. Er hat nun einige Eckdaten, an die er sich klammern kann. Und plötzlich kommt seine Erinnerung zurück. Es ist wie verhext! Als hätte ihm eine Fee all die vergessenen Fakten zurück in seinen Kopf gezaubert.
Es klingelt zur Pause. Seine Geschichtslehrerin sammelt die Klausuren ein. Er zählt noch seine Wörter. Über 650 Wörter! Wie hat er das bloß geschafft? Als seine Lehrerin an seinem Tisch vorbeikommt, verbirgt er schnell seine (mit Daten) beschriebenen Arme hinter dem Rücken. Einfach raffiniert. Er lehnt sich grinsend zurück.
In der großen Pause trifft er seinen besten Freund Tom auf dem Hof. „Und, wie war Geschichte?“, fragt dieser. Er erzählt ihm alles. Von seinem Black-out, dem Spickzettel auf dem Klo, wie er das mit der Klausur dann doch noch hinbekommen hat.
Tom lacht. Dann sagt er: „Mensch, Junge. Wenn du mich nicht hättest!“ Plötzlich versteht er. „Duu warst das?“, ruft er vor Erstaunen aus. „Hey, nicht so laut!“, sagt Tom und wirft ihm einen verschwörerischen Blick zu. „Das ist ein alter Trick von mir. Zur Sicherheit lasse ich vor jeder Klausur immer einen kleinen Spickzettel auf dem Klo zurück. Nur für den Fall.“
Er blickt verlegen auf den Boden. „Weißt du, ich hab nämlich manchmal so schlimme Prüfungsangst. So stark, dass ich das ganze Gelernte vergesse!“ (Anmerkung: Vielleicht doch nicht so das tolle Ende für meine Geschichte. Jungs würden sowas wohl nicht zugeben. Besseres Ende:)
Ein Black-out! Genau das also, was er vorhin am eigenen Leib erlebt hatte.
“Jo, coole Sache. Machen wir das bei der Philosophie-Klausur wieder?” Die Antwort kommt blitzschnell. Tom grinst ihn an. “Klar, was denkst du denn?”