Unter Japanern

Ich fröstelte. Obwohl die Sonne strahlend schien, war mir plötzlich doch etwas kalt. Mit einer ruckartigen Bewegung machte ich den Reißverschluss meines Parkas zu. Ungeduldig schaute ich auf die Uhr. Mensch! Jetzt waren die da tatsächlich schon fast eine Stunde drin. Es war einfach zu anstrengend derartige an alten englischen Ruinen interessierte Eltern zu haben. Es war nun heute schon die zweite alte Ruine, die sie besichtigten. In die Erste hatte ich mich noch reinschleifen lassen, musste aber leider schon nach 10 Minuten feststellen, dass es einfach gähnend langweillig war durch alte Gemäuer zu laufen. Ich konnte echt nicht verstehen, was sie daran so faszinierend fanden.
„Schade, dass du nicht mitkommst“, hatte meine Mutter mit einem bedauernden Blick zu mir gesagt. „Du kannst dich ja schon mal nach einer leckeren Bäckerei umschauen!“, hatte mein Vater mit einem Augenzwinkern hinzugefügt. Dann waren sie beide einer chinesischen Reisegruppe mitsamt einer hektischen Führerin ins Innere der Ruine gefolgt.
Nun schlenderte ich schon seit einer ganzen Weile durch den kleinen Park, der die Ruine umgab. Missmutig setzte ich mich auf eine Bank. Das war ja mal wieder typisch. Jetzt musste ich wieder ewig auf meine Eltern warten! Und ich hatte nichts anderes zu tun, als hier dumm rumzusitzen!
Mit zunächst nur wenig Interesse beobachtete ich die Reisegruppen, die an mir vorbeiliefen. Italiener, Spanier, Japaner… Ich machte mir ein Spiel daraus zu erraten, aus welchen Land die jeweillige Reisegruppe wohl stammte. Gerade war eine Gruppe von Japanern natürlich , wie schon als Klischee bekannt, alle mit unglaublich teuer aussehenden Fotokameras ausgestattet, an mir vorbeigegangen. Sie sahen sehr fröhlich aus. Laut lachend zogen sie an mir vorbei. An sich nichts Besonderes. Doch…etwas ließ mich stutzen! Inmitten der Reisegruppe befand sich ein Mann, der absolut nicht in die Gruppe passte. Mit seinem schon leicht angegrauten Haar, dem verwaschenen Regenmantel und der ausgebeulten Jeans sah er absolut nicht wie ein Japaner aus. Und ein Reiseleiter? Ich weiß nicht. Dazu sah er für meinen Geschmack zu ungepflegt aus. Aber was war sonst mit ihm los? Aufmerksam beobachtete ich ihn. Irgendetwas stimmte mit ihm nicht. Das spürte ich ganz deutlich.
Er schien konzentriert zu sein. Seine starren Augen hatten etwas fixiert. Ganz klar: Die teure Spiegelreflex-Kamera vom Japaner, der vor ihm herlief. Dieser merkte rein gar nichts vom Interesse des Mannes an seiner Kamera. Er war in ein Gespräch mit einem anderen Japaner vertieft. Ich wurde unruhig. Ganz klar: Der ungepflegte Mann wollte den Japaner bestehlen. Und ich hatte alles beobachtet! Was sollte ich bloß tun? Tatenlos zusehen? Nein, das konnte ich nicht!
Der Mann war schon dabei unauffällig den Klettverschluss der Kameratasche zu öffnen. Ich reagierte schnell.
Mit einem gellenden Schrei (meine Mutter hatte einmal ein Judo-Video besessen und die Typen dort hatten auch immer so seltsam geschrien) stürmte ich auf die Reisegruppe zu. Der Mann erschrak, wurde käsebleich im Gesicht, machte einen erschrockenen Satz nach hinten. In der Hand hielt er nur ein Objektiv der Kamera. Er wollte wegrennen, doch ein Japaner hielt ihn fest. Der Mann versuchte sich aus dem kräftigen Handgriff des Japaners zu befreien, es gelang ihm allerdings nicht. Er gab auf. Die Japaner um mich herum waren aufgeregt. „Domo arigato“ riefen sie aus und schüttelten mir die Hand. Der Foto-Japaner bedankte sich in gebrochenen Englisch mit einem „Thank you!“ bei mir.
„Annette!!!!!!“ Plötzlich hörte ich den entsetzten Schrei meiner Mutter. „Was ist denn bloß passiert?“ rief mein Vater aufgebracht. Besorgt schauten sie mich an. Ich erzählte ihnen von meinem kleinen Erlebnis mit dem Fotodieb. „Das hast du wirklich gemacht?“, sagte meine Mutter, als ich beim Erzählen zu der Stelle mit dem Judo-Schrei angelangt war. Ich konnte deutlich den Stolz aus ihrer Stimme heraushören. Auch mein Vater nickte anerkennend. Dann strich er mir über den Kopf. „Tja, wenn man unsere Annette mal für ein paar Minuten allein lässt…dann wird sie zur großen Detektivin!“
Ich räusperte mich. „Ein paar Minuten? Naja…“ Ein bisschen länger war das ja wohl doch gewesen.. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. „Ich musste mir eine Beschäftigung suchen…nicht wahr? Alte Ruinen sind halt einfach nicht spannend genug für mich!”

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