Juni 30th, 2006
Warten auf Lara - oder: eine Fussballgeschichte

16:55 Die Deutschland-Hymne wird gerade gespielt. Die anderen Typen in meiner Stammkneipe, alle mit Deutschland-Schal, komischen Hüten und einem Glas Bier ausgestattet, grölen mit. Ich sitze etwas abseits von den anderen. Normalerweise würde ich zu ihnen gehen, mit ihnen anstoßen, Fussballschlachtrufe schreien. Heute nicht. Ich warte auf jemanden. Sascha guckt schon ganz komisch zu mir rüber. Er ist schon sichtlich angeheitert und hat sicher schon am Mittag mit dem Biertrinken angefangen. „Heey, Steffe, komm doch ma rüber! Unsere Jungs spielen gleich!!!“ Er lacht schallend, wendet sich jedoch wieder ab, als er merkt, dass ich nicht reagiere. Ich schaue aus dem Fenster. Und warte. Blicke immer wieder ungeduldig auf die Uhr. Was ist los? Ist ihr etwas dazwischengekommen? Warum kommt sie nicht?
Sie… das ist Lara. Ich habe sie vor ein paar Tagen kennengelernt. An einem zugegebenermaßen seltsamen Ort für eine erste Begegnung wie ich finde. Auf dem U-Bahnsteig. Nachts um 2.
Ich werde nicht vergessen, wie sie auf mich zukam. Sie trug ein mit Pailletten besetztes, glänzendes und knallrotes Kleid, das bei jedem ihrer Schritte ein knisterndes Geräusch von sich gab. In der einen Hand hielt sie eine Zigarette. Mit einem Lächeln kam sie auf mich zu. Ich erwiderte ihr Lächeln. „Entschuldigung“, sagte sie. Sie schien darauf bedacht zu sein sehr deutlich zu sprechen. „Könntest du mir sagen, wo ich umsteigen muss, um zum Kottbusser Tor zu kommen?“ „Es ist sehr wichtig. Und mein Telefon…“ Sie lachte auf und schwenkte ihr Handy. „..das hat gerade den Geist aufgegeben..wie man so schön auf Deutsch sagt!“ Ich stimmte in ihr Lachen ein. Sie hatte ein wunderschönes Lächeln und ein sehr hübsches Gesicht. Ihre schwarzen Haare waren zu mehreren Zöpfen geflochten und ihre dunkelbraunen Augen funkelten.
Ihre Worte brachten mich in die Realität zurück. Sie schien etwas gefragt zu haben. Das ließ sich aus ihrem Blick schließen. Ich entschuldigte mich hastig und fragte, ob sie ihre Frage wiederholen könne. Natürlich konnte sie. „Kann ich vielleicht dein Telefon benutzen? Eine Freundin von mir wartet auf mich. Und wenn ich sie nicht anrufe…“ Und zögerte nicht lange und überreichte ihr großzügig mein Klapphandy. Sie öffnete die Klappe und schaute mich sogleich freudig an. „Auch Fussballfan..hm? Ich liebe Fussball!“ Natürlich! Sie deutete auf mein Handydisplay, auf dem ein großes Fifa-Worldcup-Symbol mit dem Untertitel „Deutschland=Weltmeister!!! Argentinien kann nach Hause fahren!“ prangte. Ich nickte. Zugegeben etwas beschämt. Aus irgendeinem Grund wollte ich nicht, dass sie mich gleich für einen der vielen Fussballidioten hielt.
Währendessen hatte sie die Nummer eingetippt. Als ihre Freundin am anderen Ende ranging, entfernte sie sich nach einem Seitenblick auf mich ein paar Meter. Ich verstand. Wahrscheinlich wollte sie nicht, dass ich zuhörte. War ja auch verständlich. Ich schlenderte zum Snackautomaten. Ich suchte in meinen Hosentaschen nach etwas Kleingeld, musste jedoch zu meiner Enttäuschung feststellen, dass ich keinen einzigen Cent mehr besaß. Sicher hatte ich meinen Kumpels beim letzten Wm-Spiel wieder Geld für Bier geliehen…
Ich gähnte und lief wieder zurück. Lara hatte ihr Gespräch beendet. „Vielen, vielen Dank!“sagte sie und gab mir mein Handy zurück. „Ich weiß gar nicht, was gemacht…was ich ohne dich gemacht hätte! Wie wärs wenn ich dich dafür mal zu einem Kaffee oder zu was du sonst willst einlade?“ Ich zögerte. Gerne wollte ich das. Dann hatte ich eine Idee. „Wie wärs wenn du am Freitag bei meiner Lieblingskneipe zum Deutschlandspiel vorbeikommst?“ Sie lächelte. „Sehr gerne!“ Ich beschrieb ihr den Weg dorthin, schrieb ihr sogar die Adresse auf ihre Handfläche. Sie bedankte sich. Dann schien sie sich an etwas zu erinnern. „Achja, könntest du mir jetzt vielleicht auch noch sagen, wie ich zum Kottbusser Tor komme?!“ Ich grinste. Und beschrieb ihr, wie sie dort hin kam. Sie müsse nur ein paar wenige Stationen von hier aus fahren. Sie sei sogar schon auf dem richtigen Gleis. Wir scherzten noch ein wenig rum. Meine U-Bahn, die ich sicher schon 2-mal verpasst hatte, hatte ich schon längst vergessen.
Dann kam ihre U-Bahn. Sie bedankte sich nochmal für alles. „Ich werde am Freitag vorbeikommen. Versprochen!“ Dann umarmte sie mich (zu meiner freudigen Überraschung), stieg in den Waggon ein und lächelte mir noch ein letztes Mal zu. Dann war sie auch schon weg. Ich blieb alleine, mit einem verträumten Grinsen auf dem Gesicht auf dem Bahnsteig stehen. Freitag!!!
17:45 Halbzeit! Leider noch kein Tor. Und sie ist immer noch nicht aufgetaucht. Sollte Lara ihr Versprechen doch nicht ernst gemeint haben?
Sascha, Jürgen und Co. stimmen ein Fussballlied an. „Finale! Ohoho..Finale!!! Oh Ohoh“ Ich kann ihre Freude nur wenig teilen. Je länger ich hier sitze, desto mehr überkommt mich der Wunsch nach Hause zu gehen. Was bringt das schon? Hier sitzen, Bier trinken, feiern? Mir ist überhaupt nicht freudig zumute.
„Heeeyy,Steffe!“, brüllt da Sascha und Kalle kommt zu mir, haut mir grob auf die Schulter! „Was isn los, Alter? Depri, weil die Deutschen den Ball noch nich reingekriegt haben?“ Er lacht verächtlich auf. „Diese Samba-Tänzer aus Argentinien hättens echt mal verdient…mann mann mann! Grottig wie die spielen. Da kann ja meine Oma besser spielen!“
Lasst mich doch in Ruhe! Ich erwidere nichts und starre weiterhin stumm aus dem Fenster. „Ach, der hat doch einen an der Klatsche!“, motzt Sascha wieder und bestellt lautstark ein weiteres Bier. „Den kannste echt vergessen..weiß ich, was der wieder für Probleme hat! Alter Griesgram, sag ich!“
Die Worte von meinen Kumpels ziehen einfach an mir vorbei. Es ist, als würde ich mich in einer anderen Welt befinden und alles nur durch eine Glassschibe beobachten. Ich seufze. Gleich geht es weiter. Eigentlich hab ich keine Lust mehr auf Fussballgucken. „Ich kann ja noch ein wenig bleiben“, murmel ich. Natürlich mit dem Hintergedanken, dass Lara noch auftaucht. Die Hoffnung stirbt zuletzt!
18:40 Wow! Deutschland ist im Halbfinale!!! Selbst ich kann mich vor Begeisterung kaum halten. Nach einem Elfmeterschießen haben sie jetzt mit 5:3 gewonnen. Alle in der Kneipe und auch auf der Straße feiern, stoßen an und singen! Es ist unglaublich. Meine Laune ist von 0 auf 100 gestiegen. Klar, fällt mir ein, Lara ist immer noch nicht da, aber was ist das schon, wenn Deutschland jetzt tatsächlich weiter ist!
19:00 Die Feierstimmung ist immer noch ungebrochen. „Wir werden Weltmeister! Scha la la lala…Wir werden Weltmeister…scha lalala lala lalala!!!“, tönt es von überallher. Ich bestelle mir ein weiteres Bier. Sascha und selbst Kalle fallen mir um den Hals, klopfen mir auf die Schulter!
Und plötzlich steht sie da! Ja, Lara!!!
Aber wie sie aussieht!!! Sie ist kaum wiederzuerkennen! Ihr langes, schwarzes Haar ist in ein Tuch gewickelt. Aber in was für eins. Ein Tuch in den Landesfarben von Argentinien! Um ihren Körper hat sie eine große Fahne in hellblau-weiß gewickelt. Einiges Getuschel wird laut. Empörtes Getuschel!
„Heee, was will die denn hier? Dein Zuhause is woaders, Kleene!“, lallt Sascha. Kalle und die anderen stimmen bei Ansicht von Lara und anderen argentinischen Fans, die die Kneipe betreten, ein Lied an: „Ihr könnt nach Hause fahren..schalalalala!!!“
Ich lächel Lara zu. „Hey..“, begrüße ich sie. Dann schlage ich mit Blick auf meine Kumpels, die in ihren Liedern beleidigend werden, vor: „Komm, lass uns woanders hingehn. Irgendwo, wo wir in Ruhe reden können..!“ Sie nickt und geht voraus zur Tür. „Mensch, Steff!!“, grölt Sascha. „Du Verräter!!!! Mit einer Argentinierin durchbrennen!!!!!“ Auch die anderen stimmen ein, beschimpfen mich. Ich flüchte aus der Kneipe.
Draußen atme ich tief durch, streiche mein Haar zurück. Puh! Dann sage ich: „Nun, Lara.. du hast mir wohl noch Einiges zu sagen, nicht wahr?!“ Sie lacht auf und wirft ihr Haar zurück. „Nun, ich höre..was willst du wissen?“ Ich kann mich kaum bremsen: „Ich wusste gar nicht, dass du für Argentinien bist. Wieso bist du mit argentinischen Fans unterwegs? Und wieso bist du erst so spät gekommen?“ Sie guckt geheimnisvoll. „Komm, lass uns zur U-Bahn gehen. Ich werde dir alles erzählen.“
19:15 Später lässt mich das, was sie erzählt, staunen. Sie ist Argentinierin! Lara ist dort geboren, lebt allerdings schon seit etwa 8 Jahren In Deutschland. Deshalb war ihr Deutsch also so gut! Wieso habe ich das bloß nicht gemerkt?
Als sie fetig ist mit dem Erzählen, schaut sie mich fragend mit ihren dunklen, funkelnden Augen an. „Nun, ist das schlimm..das ich deswegen für Argentinien bin?“ Ich winke ab und lache „Nein!“, sage ich, „nein natürlich nicht. Es ist mir sogar“ Dann schaue ich ihr tief in die Augen. „Es ist mir egal! Komm, lass uns gehen!“