Frühlingsgefühle auf dem Friedhof

Quitschend öffnete sie das eiserne Gittertor zum Friedhof. Sie wusste schon genau, wohin sie wollte. Zielstrebig lief sie mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen den sonnenbeschienenen Kiesweg entlang. Gleich der nächste Weg rechts und sie war da. Sie seufzte. Alles würde sein wie immer. Ihre Vorfreude stieg. Endlich wieder bei ihm sein. Es war schon wieder so lange her.
Sie bog um die Ecke, schaute sich, als sie merkte, dass er nicht da war, nach allen Seiten um. Wo war er? Ihr Herz begann schneller zu klopfen. Enttäuschung zog ihre Mundwinkel hinunter. Er enttäuschte sie doch sonst nicht! Sie ließ sich auf eine Bank fallen und lehnte sich zurück. „Er wird sicher gleich kommen.“, sagte sie sich, um sich selbst zu beruhigen. „Er ist anders als all die anderen Männer. Er wird mich nicht im Stich lassen“
In der Tat. Sie hatte schon viele schlechte Erfahrungen mit Männern gehabt. Sie war einfach zu leichtgläubig, zu naiv gewesen, hatte sich zu viele Lügen auftischen lassen. Die Männer, mit denen sie zusammen war, hatten sich letztendlich immer als Mistkerle entpuppt.
Er war von Anfang an anders gewesen, hatte ihr alle Wünsche von den Augen abgelesen, hatte immer ein offenes Ohr für ihre Sorgen gehabt, war so einfühlsam. „Vielleicht liegt das einfach an seinem Beruf“, dachte sie nun verträumt. Sie konnte ihm einfach nicht länger böse sein. Er würde sicher gleich kommen. Sie schloss die Augen.
Wenn sie an die Zeit vor sechs Wochen dachte, wie es ihr da ging… Die Begegnung mit ihm hatte für sie alles verändert. An einem zugegebenermaßen seltsamen Ort für ein erstes Treffen. Auf dem Friedhof.
Ihr war an diesem Tag vor über einem Monat alles zuviel gewesen. Ihre Chefin auf der Arbeit konnte sie mal wieder gar nichts recht machen, sie hatte ihr wieder vorgeworfen nicht gründlich genug zu arbeiten. „Wenn das so weiter geht, meine liebe Frau Schneider, kann ich leider nichts anderes tun als Sie zu entlassen.“ Gut, vielleicht hatte sie recht gehabt, sie war in der Zeit abgelenkt gewesen, immer mit den Gedanken woanders. Sie hatte nämlich herausgefunden, dass ihr neuer, nun Ex-Freund, sie mit einer Schönen von nebenan betrogen hatte. Dementsprechend war sie einfach fertig gewesen. Voller Wut war sie nach der Arbeit durch die Straßen gelaufen und schließlich auf dem örtlichen Friedhof gelandet. „Vielleicht tut mir ja ein Spaziergang gut.“, hatte sie gedacht. Tja. Und sie hatte ihn getroffen. Gebeugt über einen Grabstein eines gewissen Prof. Dr. Joachim Braunstein (gestorben 2001). Sie hatte ihn zuerst für einen Trauernden gehalten, wollte zuerst unauffällig an ihm vorbeigehen, doch er hatte sie bemerkt und angesprochen. Sie waren ins Gespräch gekommen, später hatte er sie in das Cafe neben dem Friedhof eingeladen. Sie waren sich von Anfang an sympathisch gewesen, es hatte einfach alles gestimmt. Eine kleine Romanze hatte sich angebahnt. Es hatte sich zu einer Routine entwickelt, dass sie sich täglich nachmittags nach der Arbeit an dem Ort, an dem sie sich zum ersten Mal begegnet waren, trafen.
Bloß wo war er heute? Er würde sie doch wohl nicht vergessen haben?
Doch da hörte sie auch schon Schritte näherkommen. Als sie merkte, dass er direkt vor ihr stehen blieb, öffnete sie die Augen und lächelte ihn an. Er wirkte gehetzt. „Tut mit Leid, dass du so lange auf mich warten musstest.“ Er blickte sie zärtlich an und gab ihr einen Kuss auf den Mund. „Ich hatte heute so viel zu tun. Weißt du, heute am Spätmittag ist noch eine Frau vorbeigekommen, dessen Mann gerade bei einem Autounfall gestorben ist. Sie brauchte dringend eine Beratung zur Bestattung. Ich konnte sie einfach nicht auf morgen vertrösten.“ Sie strich ihm durchs Haar. „Ist schon in Ordnung. Ist ja klar, dass du in so einem Fall nicht so schnell wegkannst.“ Sie schaute ihn verträumt an. „Nun lass uns noch ein wenig über den Friedhof spazieren gehen“ Er willigte ein und sie schlenderten Hand in Hand durch den Friedhofspark.
Heute war einer der ersten wärmeren Tag in diesem Jahr. Ein richtiger Frühlingstag. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten, vereinzelt begannen im Friedhofsgärtchen schon Blumen aufzublühen.
Von Glücksgefühlen überwältigt umfasste sie seine Hand fester. Sie spürte es. Sie spürte, dass sie mit ihm glücklich werden würde.

Tags:,

  • You can skip to the end and leave a comments. Trackback is currently closed.
  • Trackback URI: http://www.missxyz.de/index.php/79/fruhlingsgefuhle-auf-dem-friedhof.html/trackback
  • Comments RSS 2.0

Leave a Reply