Kommissar Thimmi zieht die Wurzel

Vielleicht sah sie deshalb so häufig aus dem Fenster. Um zu sehen, was für Wetter war. Das macht man ja oft, wenn man aufsteht. Und jedes Mal, wenn es draußen häßlich war, mußte sie natürlich an Griechenland denken. Bei diesen Betrachtungen stiegen mit den Jahren immer häufiger nostalgische Erinnerungen in ihr hoch, die sich an manchen Morgen bis zu Groll steigerten. Dann war es wieder vorbei. Aber heute morgen stimmte etwas nicht im Garten. Sie öffnete das Fenster und musterte das Fleckchen Erde, auf dem sie jeden Grashalm kannte. Was sie sah, ließ sie frösteln.

Erregt knallte Christin Bauer das Fenster ihres Bademeisterhäuschens zu. Mitten auf dem frisch gemähten Rasen des Sommerbades von Schönbrunn lag eine große ausgerissene Baumwurzel. „Immer diese Rabauken“, murmelte Christin, „schmeißen mir den letzten Dreck auf die Wiese.“ Sie ging durch die Tür, die weiß lackierte Treppe hinunter vorbei an den geschlossenen Rollläden des Kiosks auf die Wiese, wo die dunkelbraune Baumwurzel lag. Sie wollte die Wurzel gerade aufheben und in den nächsten Mülleimer werfen, als sie die blutigen Spuren, die von der Wurzel wegführten, bemerkte. Vor Schreck machte sie einen Schritt zurück, ihr Gesicht wurde blass.

Hauptkommissar Gregor Thimmi wirkte etwas unbeholfen, als er mit bloßen Füßen durch das Fußbecken des Sommerbades watschelte. Zu allem Überfluss ließ er auch noch eine Socke fallen. Fluchend fischte er nach ihr, und war damit so beschäftigt, dass er die korpulente Frau vor ihm gar nicht bemerkte. „Bin ich froh, dass sie endlich kommen! Sie sind doch von der Polizei, oder?“, fragte sie völlig aufgelöst. Gregor Thimmi machte einen großen Schritt nach vorne und gab ihr die Hand. „Hauptkommissar Thimmi, Mordkommission. Sind sie Frau Bauer?“ Die Frau nickte stumm und sagte mit leiser Stimme: „Kommen sie mit, ich zeige es ihnen.“ Thimmi folgte der Frau und schüttelte dabei seine triefend nasse Socke aus. Am anderen Ende der Liegewiese befand sich hinter einer Ligusterhecke das Kleinkinderbecken. Thimmi traute seinen Augen kaum: Mitten im flachen Wasser trieben die Leichen von zwei Männern mittleren Alters, in der Höhe ihres Herzens waren blutige Einschusslöcher zu erkennen. Das Wasser des kompletten Beckens hatte sich rot verfärbt. Außerdem schwammen seltsame braune Klumpen in der Brühe.
„Ach herjemine, das ist ja eine schöne Bescherung“, sagte Thimmi, der daran denken musste, wie er vor einer halben Stunde noch Schokocroissants gefrühstückt hatte. Zu Christin Bauer gewand, fragte er: „Wann kommen die ersten Badegäste?“ Sie seufzte und sagte dann: „Um Neun machen wir auf.“ Thimmi blickte auf die Uhr, deren Zeiger sich auf halb neun zu bewegte. „Ich rufe die Kollegen von der Spurensicherung an, die sollen sich beeilen.“, sagte er dann. „Aber wissen sie zufällig, wo ich hier einen guten Kaffee bekommen kann?“

Christin Bauer goss Gregor Thimmi gerade die dritte Tasse „Mokka spezial“ ein, als sein Kollege Johann Beck in der Tür erschien. „Hey Gregor, halt dich fest: Ich habe diese braunen Teilchen aus dem Schwimmbecken analysiert. Es handelt sich um aufgelöste Kekse. Bei der Marke sind wir uns noch nicht sicher.“ Thimmi schaute ungläubig: „Kekse? Wer kommt denn auf so eine Idee? Dieser Fall gibt mir Rätsel auf.“
Als Hauptkommissar Gregor Thimmi nach zwei weiteren belebenden Tassen „Mokka spezial“ gegen 13 Uhr auf dem Revier ankam, lagen die erkennungsdienstlichen Berichte über die beiden Ermordeten schon auf seinem Schreibtisch. Thimmi setzte sich in seinen großen Ledersessel und blätterte die Klarsichthefter durch. „Ulf Knossek, 42, Lehrer für Mathematik und Physik…interessant“, murmelte Thimmi, blätterte die restlichen Seiten samt Fotos der Leichen durch und griff nach dem zweiten Bericht. „Herbert Eckmann, 57, Lehrer für Mathematik und Erdkunde…hm“, er klappte den Hefter zu und sagte zu sich selbst: „Ob das ein Zufall ist? Ich muss herausfinden, ob die beiden sich gekannt haben.“ Er griff seine Jacke vom Haken und verließ das Präsidium, um nähere Erkundigungen im Umfeld der Toten einzuholen.
Hätte er gewusst, wie wenig ihm dieser Ermittlungsschritt einbringen würde, Gregor Thimmi hätte sich keinen Schritt von seinem Sessel wegbewegt. Erst spät abends kam er nach Hause. Erschöpft ließ er sich in seinen bequemen Ohrensessel fallen. Die Witwen von Ulf Knossek und Herbert Eckmann waren vom Tod ihrer Männer völlig überrascht gewesen und hatten ein Taschentuch nach dem anderen mit Tränen gefüllt. Beide Männer hatten sich aus dem Schulalltag zwar gekannt, aber kaum ein persönliches Verhältnis zueinander gehabt. Auch Feinde waren den aufgelösten Witwen nicht bekannt. Schlussendlich hatte Thimmi den beiden empfohlen, sich in diesen schweren Stunden gegenseitig Trost zu spenden. Immer und immer wieder ging Thimmi die Fakten des Falles durch, ohne zu einer Lösung zu kommen. Irgendwann überkam ihn so starke Müdigkeit, dass er im Sessel sitzend wegnickerte.
Das nervöse Klingeln des Telefons ließ ihn am nächsten Morgen aufschrecken. „Hallo, Thimmi hier“, sagte er müde und versuchte vergeblich ein Gähnen zu unterdrücken. „Hey Gregor, setz’ dich hin. Ich habe die Kekse noch mal genauer unter die Lupe genommen.“, tönte Johann Beck auf der anderen Seite. Thimmi kratzte sich den Kopf: „Welche Kekse? Achso ja…“ Beck fuhr ungehindert fort: „Es sind Zahlenkekse aus Dinkelteig, hergestellt von einer Firma aus dem Rheinland.“ Thimmi bedankte sich und ließ sich zurück in den Sessel fallen. In seinem Kopf war alles durcheinander: Zahlenkekse, zwei tote Lehrer in einem Schwimmbecken. Wer sollte sich darauf einen Reim machen?
Gegen 8 Uhr erhob der Kommissar sich schließlich und ging in die Küche. Erst dort bemerkte er, dass er nur eine Socke an hatte. Fluchend durchsuchte er Wohn- und Schlafzimmer, schaute unter Sofa und Bett nach, doch nirgendwo war die grüngestreifte Socke zu finden. „Oma wird mich umbringen, wenn sie das rauskriegt“, murmelte er. „Wo kann ich sie nur,…“, dann fiel es ihm glühend heiß ein. Er hatte sie gestern nachdem sie ihm ins Wasser gefallen war, auf der Wäscheleine von Bademeisterin Christin Bauer zum Trocknen aufgehängt. Im Stress musste er irgendwie vergessen haben, sie wieder anzuziehen.

Vor dem Schwimmbad hatte Gregor Thimmi es schwer einen Parkplatz zu finden. An so einem sonnigen Samstag ließen sich die Leute nicht einmal von zwei Leichen im Babybecken abschrecken. Er musste nicht lange nach Christin Bauer suchen, die kräftige Frau war gerade damit beschäftigt zwei Jungen zu ermahnen, die eine Wasserschlacht angezettelt hatten. „Sie kommen sicher wegen ihrer Socke!“, rief sie lachend, scheinbar hatte sie den Schock von gestern früh gut verdaut. Thimmi folgte ihr in das Bademeisterhaus, wo seine Socke noch immer auf der Wäscheleine baumelte. „Hat das Ganze gestern noch lange gedauert?“, fragte er beiläufig und blickte dabei zu den unbekümmerten Badegästen, die sich auf der Liegewiese tummelten. „Ja, ging so. Bis auf diese eklige Wurzel, die wollten ihre Kollegen nicht mitnehmen. Musste ich nachher ganz alleine wegräumen.“ Thimmi fragte nach: „Wo genau lag diese Wurzel denn? Können sie mir die Stelle zeigen?“ Christin Bauer sah ihn verwundert an, zuckte dann mit den Schultern und bedeutete dem Kommissar ihr zu folgen. An der Stelle, die ihm die Bademeisterin zeigte, lag ein dicker Mann auf einem Handtuch. Thimmi sagte: „Würden Sie bitte ein Stück mit ihrem Handtuch weiterrücken, sie behindern die polizeilichen Ermittlungen!“ Der Mann sah ihn ungläubig an und brummelte verärgert irgendetwas, dass Thimmi nicht verstehen konnte. Was Gregor Thimmi, der in seiner grauen Jacke im Freibad sowieso fehl am Platz wirkte, in den kommenden zwanzig Minuten auf der Liegewiese vollführte, sorgte für Kopfschütteln und missmutige Blicke bei den Badegästen. Gemessenen Schrittes lief er mehrmals die Strecke zwischen Wurzelfundort und Kleinkinderbecken ab und ließ sich auch nicht von Badegästen stören, die innerhalb dieser Linie ihr Handtuch ausgebreitet hatten. Während der ganzen Aktion murmelte er unvollständige Zahlenketten vor sich her.

Noch am gleichen Abend wurde Olaf Reith in seiner Wohnung nahe des Bahnhofs festgenommen. Der junge Mann zeigte sich nicht erstaunt über das Erscheinen der Polizisten, er schien vielmehr schon auf seine Verhaftung gewartet zu haben. Wortlos ließ er sich von Thimmi Handschellen anlegen und abführen.
Auf dem Präsidium legte er ein umfassendes Geständnis ab: Er sei Referendar gewesen und am zweiten Staatsexamen in Mathematik gescheitert. Schuld seien seine beiden Prüfer, Ulf Knossek und Herbert Eckmann gewesen, die ihn mit komplizierten Kubik- und Wurzelfunktionen ausgetrickst hätten. Sein Berufstraum sei zerplatzt wie eine Seifenblase. Thimmi hakte nach: „Und deshalb mussten beide sterben?“ Olaf Reith blickte ihn aus kalten Augen an: „Die hatten es doch nicht besser verdient. Diese peniblen Sesselfurzer.“, sagte er wütend. „Es war anfangs auch so leicht: Ich hatte die Waffe aus dem Sportclub meines Vaters, den Transporter aus der Firma und genügend Zeit um die beiden ins Schwimmbad zu bringen.“ Thimmi blickte den zornigen jungen Mann an und fragte erneut nach: „Wieso eigentlich das Schwimmbad?“ „Naja“, erwiderte Olaf Reith, „ich wollte der ganzen Welt zeigen, was mit solchen miesen Matheprüfern passiert.“
Das Geständnis des Mathe-Referendars war bereits vollständig protokolliert und Olaf Reith in eine Zelle der Untersuchungshaft gebracht worden, als Johann Beck zu Thimmi ins Büro trat. „Hey Gregor, meine Hochachtung, hast den Kleinen ja sauber eingebuchtet. Aber wie bist du ihm auf die Schliche gekommen?“

Gregor Thimmi lehnte sich entspannt in seinem Ledersessel zurück und begann zu erzählen: „Die herumliegende Wurzel hat mich auf die richtige Spur gebracht. Sie war das Puzzleteil, was mir noch zu den Zahlenkeksen und den zwei toten Mathelehrern gefehlt hatte.“ Johann Beck fragte: „Und was hast du dann gemacht?“ „Nunja“, sagte Thimmi und lachte verschmitzt, „ich habe meine Mathekenntnisse aus der zehnten Klasse vorgekramt und die Wurzel gelöst. Der Abstand zwischen Wurzelzeichen und den beiden Leichen war genau 36 Meter. Wurzel 36 ist gleich 6. Dann bin ich einfach schnurstracks in die Männergarderobe gegangen und habe bei Schrank Nummer Sechs nachgeschaut.“ „Und?“, fragte Beck gespannt nach. „Ich wurde fündig. Unser kleines Mathegenie hatte seine zerknüllte Staatsexamensklausur in dem Schrank deponiert.“
Johann Beck gab sich noch nicht ganz zufrieden: „Der Name stand oben drauf?“ Gregor Thimmi grinste: „Variable x war in diesem Fall kein Unbekannter.“

Wäre toll, wenn ihr euch registriert & für meinen Krimi votet!
–> hier klicken!!!

Tags:

  • You can skip to the end and leave a comments. Trackback is currently closed.
  • Trackback URI: http://www.missxyz.de/index.php/77/kommissar-thimmi-zieht-die-wurzel.html/trackback
  • Comments RSS 2.0

Leave a Reply