März 1st, 2006
Meier im Käfig
Wie eine Schildkröte! Meier murmelte etwas Unverständliches, während er, es war Mittagspause, skeptisch den Neuen beobachtete. Wie der sein Brötchen kaut! Er schüttelte missmutig den Kopf. Wusste doch schon immer, das der seltsam ist. Nicht normal. Aber man musste ihm eins lassen, er hatte Humor. Er erschrak. Ein Warzenschwein kam ihm in den Sinn. Ja, tatsächlich. War ihm das erst jetzt aufgefallen? Wenn der Neue einen seiner unsäglichen Witze erzählte..ja, da grunzte er doch tatsächlich….wie ein Warzenschein! Komisch, seltsam. Meier murmelte erneut etwas vor sich hin. Erschreckt über seine Erkenntnis. Er hatte keinen Hunger mehr. Konnte nicht dem Drang widerstehen noch einmal einen zweifelnden Blick auf den Neuen zu werfen. Dieser war unterdessen bei seinem zweiten Brötchen angelangt. Bestrichen mit Schmalz und einer dicken Lage Schinken, soweit Meier das von seinem Schreibtischstuhl erkennen konnte. Er sah förmlich die Gier in den Augen. Dieses Verlangen in dieses fette, fleischige Brötchen zu beißen! Nun öffnete er seinen Mund weit, fast wie man es beim Zahnarzt tun musste. Seine schlecht gepflegten Zähne kamen zum Vorschein. Sie waren spitz, bereit alles Essbare zu zerteilen..fast wie ein..! Meier drehte sich angewidert und von schlechten Gedanken überschüttet, weg. Ihm kam ein Gedanke. Ja..der Neue, er erinnerte ihn, wenn er so gierig in sein Brötchen biss, auch wenn es komisch klang, an einen Löwen! An ein Raubtier! Mit seinen blonden, leicht gelockten Haare, hatte er auch gewisserweise eine Ähnlichkeit mit jenem Tier. Plötzlich überkam Meier eine Art von Respekt gegenüber seinem Kollegen. Der Löwe war doch immer schon der König des Tierreichs gewesen!
Er drehte sich um und blickte ihn ehrfürchtig an. Er musterte ihn mit prüfenden Blicken. Ob er mit seiner Vermutung richtig lag?
Der Neue bemerkte seine Blicke. Ein großes Fragezeichen erschien in seinem Gesicht. „Is was?“ murmelte er, zuckte mit den Schultern, als Meier ihm nicht antwortete und ihn weiter mit starren Blicken ansah, und wickelte knisternd einen Schokoriegel aus der Verpackungsfolie.
Meier wimmerte leise vor sich hin. Bekam Angst vor dem, was ihn jetzt gleich wohl erwarten würde. Wie würde der Neue den Riegel verzehren? Wie eine Schlange, die gierig mit ihrer Zunge nach der Beute schnappt? Wie ein Biber, der mit vielen kleinen Bissen Baumstämme zernagt? Der kalte Schweiß brach ihm aus. Was würde kommen?
Der Neue führte den Schokoriegel zum Mund. Meier hielt den Atem an. Der Schokoriegel knirschte und knusperte in seinem Mund. Atemlos und mit vor Spannung weit geöffneten Mund beobachtete er seinen Kollegen. Nichts. Nichts. Nichts!!! Er schrie die Worte heraus. Er aß seinen Schokoriegel wie ein…wie ein Mensch! Neeeeiiiiinnn!!! Meier wimmerte, hielt sich die Hände vors Gesicht, kreischte schrill. Das konnte nicht sein! Das konnten sie nicht mit ihm machen. Nein. Nicht mit ihm!
Was dann passierte? Meier erinnert sich nicht mehr. Immer wenn ich ihn bei einer unserer täglichen Sitzungen frage, schüttelt er nur stumm den Kopf oder zuckt die Achseln. Unsere Sitzungen verlaufen immer ruhig. Leider! In der Klinik ist er einer der verschwiegensten Patienten. Ich hab ihn nur selten reden gehört. Manchmal redet er mit den Nachtschwestern.
Neulich kam Irene, eine von ihnen, aufgeregt zu mir. Er hätte mit ihr geredet. Über was, fragte ich gleich. Es war etwas seltsam, sagte Irene, er habe etwas wirr über die Eigenschaften und Körpermerkmale von Elefanten, Pinguinen und Giraffen geredet. Ich sah sie verständnislos an. Was? Ja, es sei eine traurige Sache mit ihm. Sein größter Wunsch sei immer gewesen, in die weite Welt zu reisen, Expeditionen in Urwälder zu machen, neue Tierarten zu entdecken und zu erforschen. Und wie weiter?, fragte ich gespannt. Irene senkte den Blick, sah mich mit kleinen, mitleidigen Augen an. Ja, und tatsächlich ist er nur in so einem schrecklichen Büro in einer Versicherung gelandet!
Mir kam ein Gedanke. Ja, ich konnte mir auf einmal gut vorstellen, wie Meier sich gefühlt haben mochte. All die Jahre, in einem kleinen, stickigen Versicherungsbüro. Wie ein Tier, ein eingesperrtes Tier in einem Käfig!