Die Eisläuferin

Nur ein paar mutige Jogger, ansonsten ist an diesem kalten Januarmorgen außer ihr niemand unterwegs.
Sie war dieses Jahr zu ihrem eigenen Bedauern noch kein einziges Mal eislaufen. Heute morgen, als ihr Wecker sie um 6 Uhr in der Früh aus dem Schlaf gerissen hatte, hatte sie gewusst, dass heute der ideale Tag wäre, es zu tun.
Der tief im Wald verborgene See ist nur etwa eine Viertelstunde von ihrem Haus entfernt. Während sie mit schnellen Schritten durch den Wald läuft, steigert sich ihre Ungeduld immer weiter. Endlich ist sie da. Wunderschön sieht der See, umrahmt von Bäumen und mit dieser spiegelglatten Eisfläche aus! Die Sonne geht gerade auf. Und das Schönste: Kein anderer Mensch hier außer ihr! Sie hat diesen traumhaften, unberührten See ganz für sich allein!
Hastig schlüpft sie am Ufer in ihre weißen Schlittschuhe aus Leder. Unbeholfen wagt sie ein paar Schritte auf die in der Sonne glänzende Eisfläche. Kratsch! Ihre Schlittschuhe geben ein kratzendes Geräusch von sich, während sie Richtung Mitte des kleinen Sees läuft.
„Hach..die Leute wissen einfach nicht, was sie sich entgehen lassen! So ein glattes Eis gibt es nicht einmal in einem Eisstadion!“ Glücklich dreht sie eine Pirouette. Sie grinst schadenfroh. „Manche lassen sich eben zu sehr von ihrer Angst kontrollieren!“
Ihr kommt ihre Nachbarin Heide, die immer den neuesten Tratsch auf Lager hatte, in den Sinn. Erst gestern hatte sie sie im Treppenhaus mit ihrem Gelaber aufgehalten.
„Furchtbar kalt draußen, nicht wahr?“ „Hm..“ hatte sie geistesabwesend geantwort und wollte weitergehen. Doch Heide wollte etwas loswerden. „Aber was wieder Schreckliches passiert ist! Gestern sind zwei Frauen beim Eislaufen eingebrochen! Nur ein paar Dörfer weiter..Furchtbar..die Notätzte konnten nichts mehr machen. Eine von ihnen liegt noch immer auf der Intensivstation..“ Sie hatte aufgeseufzt. „Die Leute werden eben immer unvorsichtiger…“, hatte Heide nachdenklich hinzugefügt, ihr noch zugewinkt und dann in ihrer Wohnung verschwunden.
Sie hatte nicht weiter darüber nachgedacht, was Heide ihr erzählt hatte.. doch nun muss auch sie zugeben, dass sie bei jedem weiteren Schritt, den sie weiterläuft, ein unguteres Gefühl bekommt.. Besorgt guckt sie zum Ufer. Sie ist schon unglaublich weit weg vom Ufer. Vielleicht 400 Meter. Und kein Mensch weit und breit. Niemand, der ihr helfen könnte! Ihr Herz fängt an zu rasen. Der kalte Schweiß bricht ihr aus. Was ist, wenn…? Sie möchte nicht weiterdenken. „Komm schon. Es ist schon ziemlich lange kalt gewesen..warum sollte es unsicher sein auf diesem See eiszulaufen?“, denkt sie um sich selbst zu beruhigen. Doch sie weiß, dass sie sich nur selbst manipuliert. Sie hält es nicht mehr aus. Panisch stürzt sie wie der Blitz Richtung Ufer. Sie hat ihre Beine nicht mehr richtig unter Kontrolle. Sie fällt vorneüber auf das kalte, glänzende Eis. Ihr ganzer Körper schmerzt. Mühsam versucht sie sich aufzurichten, doch sie findet keinen Halt und schafft es nicht aufzustehen. Das Eis ist einfach zu glatt! Bildet sie das ein oder fängt das Eis auf einmal an zu knacken? Eine weitere Welle von Panik überkommt sie. Angestrengt starrt sie zum Ufer. Noch etwa 150 Meter. Ihr tut alles weh. Sie rutscht auf allen Vieren langsam Richtung Ufer. Sie kann nicht mehr. Zu wenig Kraft. Sie vergräbt ihren Kopf in ihren Händen. Bleibt einfach liegen.
Plötzlich eine Stimme neben ihr. „Hey Sie!..kann Ich Ihnen irgendwie helfen?“ Sie blickt auf. Eisblaue Augen schauen sie besorgt an. Sie lächelt matt und nickt. Dann greift sie nach seinen ausgestreckten Händen.

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