Kein Fahrschein.

„Die Fahrkarten, bitte“ dröhnt es durch den an diesem Nachmittag gut gefüllten U-Bahnwaggon. Die barsche Stimme geht von einem jungen Mann mit zerlöcherter Jeans und Schlabbershirt aus. Hinter ihm steht unauffällig sein Kollege. Typ: Türsteher. Typen, die ein echter Profi sofort als Fahrkartenkontrolleure entlarven würde. Ich bin kein Profi. Und ich hab keine Fahrkarte. Beide Männer sind nur noch wenige Meter von mir entfernt. Mir bricht der kalte Angstschweiß aus. Sie stehen bei einem hübschen Mädchen, das gerade ihre Karte aus ihrem pinken Handtäschchen kramt. „Einen Moment, bitte“, sagt sie und wirft dem Türsteher ein strahlendes Lächeln zu. „Na, komm schon. Mach da hinten weiter“ brummelt dieser zu seinem Kollegen und richtet wieder seine volle Aufmerksamkeit auf die Blondine.
Ich bin unfähig mich zu bewegen. Verkrampft halte ich mich an einer Halterung fest. Gleich ist er bei mir. Gleich. Warum dauert das nur so verflixt lange bis zur nächsten Station? Scheiße. Was soll ich machen? „Hey“, sagt der Schlabbertyp, als ich immer noch keine Anstalten mache ihm den Fahrschein zu zeigen. „Wo ist dein Fahrschein?“ Mein Herz rast. Es schlägt bis zum Hals. „Hab ich nicht“, presse ich hervor. „Dann steig nächste Station mit aus!“, sagt er mit fester Stimme und winkt seinem Kollegen zu, der unterdessen mit dem Mädchen flirtet.
Die U-Bahn hält. Ich reagiere schnell. Ohne einen Blick zurückzuwerfen springe ich aus der U-Bahn und sprinte den Bahnsteig entlang. „Heeey!! Bleib stehn“ brüllt der Schlabbertyp und rennt mir hinterher. „Verdammt“, schreit auch der Türsteher. Ich höre das Klackern von Damenstiefeln. Das Mädchen aus der U-Bahn? Ich höre das Keuchen des Kontrolleurs, der hinter mir her rennt.. Tja, keine gute Kondi, denke ich und laufe eilig die Treppen hoch. Ich renne und renne. Irgendwann gibt der Kontrolleur auf. Ich bin völlig außer Atem. Erschöpft lasse ich mich oben auf eine Bank plumpsen. „Haste jut jemacht!“ sagt plötzlich eine Stimme rechts neben mir. Überrascht blicke ich auf. Es ist das Mädchen aus der U-Bahn. „Hatte och keenen Fahrschein.“ sagt sie und lächelt. „Aber wie…?“, fange ich an. Sie errät meine Frage sofort und sagt mit einem Grinsen: „Manchmal kann es eben janz praktisch sein ein Mädel zu sein. Er heißt übrigens Tobias.“

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