Abgehauen - Mein Abschied von der Sekte

Es ist dunkel. Ich bin müde. Mir ist kalt. Zu allem Überfluss hat es jetzt auch noch angefangen wie aus Eimern zu schütten. Ich hasse es! Ich bereue meine Entscheidung. Wie gern wäre ich jetzt zuhause. Doch es gibt kein Zurück mehr. Ja, ich bin von zuhause abgehauen! Scheiße!
Wie es dazu gekommen ist? Eine lange Geschichte.
Um eins vorweg zu nehmen: Ich bin kein normales Mädchen wie jedes andere. Ich bin schon seit ich denken kann Mitglied bei den Zeugen Jehovas. Meine Eltern sind schon lange dabei und ich bin sozusagen in die Sekte reingeboren. Früher, als ich kleiner war, fand ich’s toll. Es gab immer viele Treffen in der Gemeinschaft. Ich konnte einfach dasitzen und niemand erwartete etwas von mir. Das bei Treffen in Predigten ernsthaft über Gott geredet wurde, störte mich weniger. Ich verstand ehrlich gesagt auch nicht besonders viel von dem, was die Erwachsenen redeten. Es war mir auch ziemlich egal. Ich war selig, wenn ich meine wenigen Freundinnen, die ich in der Gemeinde hatte, sehen konnte.
Als ich später in die Schule kam, änderte sich meine Meinung nach und nach. Wenn mich meine Klassenkameraden fragten, ob ich am Nachmittag mit zum Badesee kommen wollte, musste ich immer bedauernd den Kopf schütteln.
Denn die Zeugen Jehovas schreiben bis zu fünf Zusammenkünfte wöchentlich vor, bei denen man zu erscheinen hat. Außerdem sollte der Kontakt mit „heidnischen“ Personen so stark wie möglich vermieden werden. Nachmittags im Ballett- oder Sportverein Spaß haben – das gabs für mich also auch nicht. Kein Wunder, dass ich bei so wenig Interesse, dass ich den anderen Kindern aus meiner Klasse entgegenbrachte, schnell zur Außenseiterin wurde.
„Du kannst noch viel lernen bei den Zeugen!“, sagte meine Mutter immer, wenn ich wieder mal mit einem enttäuschten Gesicht von der Schule wiederkam. „Später wirst du es nicht bereuen!“
Doch auch diese Zeit kam. Ich wurde älter. Mit 13/14 wollte ich das, was viele andere Mädchen in meinem Alter wollten, auch machen. Alkohol trinken, rauchen, auf Partys gehen, mit Jungs rummachen. Ihr wisst schon. Eben alles, was Spaß macht, aber nun mal bei den Zeugen einfach nicht erlaubt ist.
Und was denkt ihr, machte ich nachmittags und abends? Nein, ich hatte nicht Spaß wie alle anderen in meiner Klasse auch. Ich saß bei diesen verdammten Zusammenkünften, musste die ganze Zeit mit diesen langweilligen Leuten in einem Raum sitzen und, ja, über Gott reden. Oder ich ging missionieren. Das heißt ich stellte mich in die Fußgängerzone und überreichte den Vorbeigehenden den Wachtturm. Ich wäre jedesmal am liebsten vor Scham im Boden versunken. Es war zum verrückt werden. Mir kam zum ersten Mal der Gedanke alles über Bord zu werfen und ein Leben zu leben, was mir gefiel und nicht meinen Eltern.
Meine ältere Schwester Sandra hatte diesen Weg zu diesem Zeitpunkt schon gewählt. Sie war mehrfach völlig bekifft und angetrunken auf Partys erwischt worden. Die ersten Male verziehen ihr die Zeugen, als sie ihre Fehler eingestand, später wurde sie ohne Wenn und Aber aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.
Für meine Eltern war das ein Riesen-Schock. Ihre Tochter! Ausgeschlossen aus der Gemeinschaft, von der sie so sehr überzeugt waren! Undenkbar. Ich erinnere mich noch gut an die schrecklichen Schmerzensschreie meiner Schwester, als mein Vater sie abends verprügelte. Ich litt furchtbar. Meine Schwester war für mich eine der wichtigsten Personen in meinem Leben. Ich konnte nicht mehr.
Sie war nun eine „Ausgestoßene“, somit durfte ich so gut wie gar keinen Kontakt zu ihr haben. Ich wollte meinen Eltern am liebsten die Meinung sagen, rebellieren.Doch ich traute mich nicht. Ich war für meine Eltern die letzte Hoffnung, die noch geblieben war. Und diese Hoffnung wollte ich ihnen nicht nehmen.
Als meine Schwester schließlich bei uns auszog, freute ich mich einerseits für sie, andererseits zerbrach für mich eine Welt. Der Kontakt zu ihr brach endgültig ab.
Ich isolierte mich zunehmens, auch meine Schulnoten wurden immer schlechter. Ich blieb das zweite Mal in Folge sitzen. Und meine Eltern? Sie schickten mich weiterhin Woche für Woche zu den Zeugen. „Wir wollen doch nur das Beste für dich“, sagten sie. Ich nickte dann nur stumm und wollte am liebsten losschreien.
Das war also meine Vorgeschichte. Nun möchte ich aber von dem Tag erzählen, an dem ich von Zuhause abgehauen war.
Es war also einer dieser üblichen Schultage, die ich hasste. Mathe: 5. Chemie: 5. Wie ihr euch denken könnt, war ich extrem schlecht gelaunt. So viele schlechte Noten auf einmal! Ich wusste genau: Das konnte mich mir nicht leisten. Ein weiteres Mal sitzenbleiben und ich würde – zack! – einfach von der Schule fliegen. Zudem hatten meine Klassenkameraden gerade heute von einer supertollen Party geredet, zu der ich natürlich nicht eingeladen war und zu der ich so oder so nicht gedurft hätte.
Nagut, so kam ich also völlig depri nach Hause. Das Letzte, was ich jetzt brauchen konnte war dummes Gemecker von meinen Eltern. Mir grauste auch regelrecht vor dem Gedanken, an eine der Zusammenkünfte, die heute am Nachmittag stattfinden würde.
Doch es kam wie es kommen musste. Nein, meine Mutter empfing mich nicht mit einem netten “Wie war’s in der Schule?”, sondern mit ihrer typischen Masche. Jehova möchte doch nur das Beste für dich..mach es nicht wie deine Schwester, lerne fleißig, handle nach den Grundsätzen Jehovas.. blablabla. Das Übliche eben.
Ich hatte echt die Schnauze voll. Ich weiß selbst, wie schlecht ich in der Schule bin, das brauch mir kein Mensch zu sagen. Und warum zum Teufel soll ich nach irgendjemandes Geboten handeln? Entschuldigung, aber diese Vorstellung finde ich krank!
Dann fing meine Mutter an über meine Schwester Sandra zu reden. „Sandra hat Schande über unsere Familie gebracht. Du bist die Einzigste die diese Schande wieder gut machen kann!“, sagte sie im Brustton der Überzeugung. Sandra und Schande? Wahrhaftig, ich war unter Verrückten gelandet!
Es wurde mir alles zuviel. Sollten sie mich doch alle mit ihrem Gerede in Ruhe lassen! Ich wollte nie wieder zur Schule, nie wieder zu dieser verdammten Sekte und mein Ding durchziehen. Einfach glücklich sein. War das zuviel verlangt? Wenn es nach meinen Eltern ging, schon.
Ich hörte meiner Mutter schon gar nicht mehr zu. Inzwischen war auch mein Vater dazugekommen. Er fing auch gerade eine Moralpredigt an. Meine Wut, Angst und Verzweiflung, der unglaubliche Schmerz, der sich in mir aufgestaut hatte, brach mit einem Mal aus mir raus. Ich schrie sie an, beschimpfte sie, warf mit herumliegenden Gegenständen rum, schmiss ihnen unzählige Vorwürfe über Sandra und die Sekte an den Kopf. Mit einem Mal waren beide verstummt. Ich wollte nicht in ihre schockierten Gesichter sehen! Ich rannte aus der Wohnungstür ohne nachzudenken. Ich wollte bloß weg. Stundenlang lief ich völlig außer mir durch die Nachbarschaft. Ich versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Was sollte ich jetzt bloß machen? „Bloß nie wieder zurück zu diesen Verrückten!“, dachte ich, während ich heulend am Straßenrand saß. Aber wohin dann?
Es wurde Abend. Erschöpft setzte ich mich auf eine Parkbank. Ich war am Ende. Die Sekte, die Schule, mein Zuhause – das alles konnte mir gestohlen bleiben.
Ich weiß nicht, wie spät es war, nach einer Weile schlief ich jedenfalls auf der Bank ein.
Die ersten Tage verliefen noch relativ gut. Tagsüber hing ich im Stadtpark rum, manchmal schaute ich den fußballspielenden Jungs auf dem Sportplatz zu. Abends schlief ich zusammengekauert auf Parkbänken oder in Hauseingängen. Mit den paar Euros, die glücklicherweise noch in meiner Jackentasche waren, konnte ich mir immerhin etwas zu Essen kaufen. Doch innerlich gings mir schlecht. Meine Vorstellung von der Freiheit, vom Unabhängigsein hatte sich als eine zerplatzende Seifenblase herausgestellt. Ich war zwar frei, dennoch noch lange nicht glücklich. Meine Zukunft war unsicher. Ob ich jemals meine Schwester wiedersehen würde? Ich wusste nicht einmal, wo sie wohnte. Ob sie unterdessen studierte. Wie sie lebte. Ich hatte sie schon über drei Jahre nicht mehr gesehn.
So verging Tag um Tag, an dem ich über das Leben nachgrübelte und nicht wusste, wohin ich gehen sollte. Freundinnen, enge Verwandte - das gabs in meinem Leben schon lange nicht mehr. Die Zeugen Jehovas hatten mich völlig von der Außenwelt abgeschnitten.
Gegen Ende der Woche wurde mein Geld knapp. Am Samstag hatte ich kein Geld mehr. Schluss? Ich war verzweifelt. Was sollte ich jetzt machen? An mein Sparbuch kam ich dummerweise auch nicht. Das lag zuhause. Sorgfältig geknickt im Aktenschrank meines Vaters. Ich wollte lieber sterben, als auch nur einen Fuß in die Nähe des Hauses meiner Eltern zu setzen.
Nun sitze ich hier. Hungrig, frierend, allein. Es ist Abend geworden und ich bin immer noch zu keinem Schluss gekommen. Mir gehts dreckig. Kein Ausweg. Der Regen prasselt auf mich nieder. Ich befinde mich an einem Ort meiner Kindheit. Auf dem Spielplatz, auf dem ich früher mit meiner Schwester gespielt habe.Tränen schießen aus meinen Augen. Ich will nicht mehr!
Plötzlich höre ich eine besorgte Stimme hinter mir. “Yvonne..was zum Teufel machst du denn hier?” Erschrocken drehe ich mich um. Eine blonde, junge Frau in einem roten Regenmantel steht vor mir.
Es ist meine Schwester Sandra! Nicht zu glauben! Tausend Gedanken rasen mir durch den Kopf. Gerührt fallen wir uns um den Hals. Minutenlang umarmen wir uns, ohne auch nur ein Wort zu sagen.
Schließlich nimmt sie mich an der Hand. Ihre Hand ist warm und mit einem Mal fühle ich mich sicher. Wie früher als ich klein war. Sie führt mich durch die mit Laternen schwach beleuchtete Allee. Dann beginne ich ihr meine Geschichte zu erzählen. Interessiert und teilweise mit erschrecktem Gesichtsausdruck hört sie mir zu. Ich rede und rede. Sie unterbricht mich kein einziges Mal. Als ich fertig bin, bin ich völlig außer Atem. Sie erzählt von sich. Wie oft sie an mich gedacht hat. Wie oft sie Pläne geschmiedet hat, mich aus der Sekte rauszuholen. “Yvonne”,sagt sie schließlich leise, “Du kannst jetzt unmöglich wieder nach Hause gehen! Wohn doch erstmal bei mir. Ich helf dir. Du kannst dich auf mich verlassen.“ Freudig umarme ich sie ein weiteres Mal. „Danke, Sandra!“ Dann laufen wir beide im Regen zu ihr nach Hause.

[missxyz]

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3 Responses to “Abgehauen - Mein Abschied von der Sekte”

  1. janina Says:

    wär interessant mit der verfasserin dieses artikels persönlich zu quatschen…ich hab fast das selbe durchgemacht…mit den unterschied das meine mutter zu mir gehalten hat.

  2. Tom hosemann Says:

    Ich hatte das gleiche, aber im umgekehrten Fall durchgemacht. meine Eltern sind absolut atheistisch. Als mein Bruder gesagt hat,dass er beginnt an Gott zu glauben, haben sie ihn für gestört gehalten. Abends weggehen, Freunde mit denen man trinkt, arbeiten um geld zu verdienen und Kinder kriegen, das ist für meine Eltern der Sinn des Lebens. Ich war darüber, genau wie mein Bruder auch nicht glücklich. Dann habe ich durch meinen Bruder inspiriert in der Bibel gelesen, durch ein Freund zu Gottesdiensten gegangen, dann bei den Hare Krishna´s zu deren Gottesdiensten und tatsächlich ich habe dadurch für mich einen höheren Sinn im Leben gefunden. Und ich bereue überhaupt nicht den Schritt meinen Eltern gesagt zu haben, dass ich regelmäßig da hingehen will, ja auch nich das studieren will, was meine Eltern als gut für mich befinden. Ich wollte mich erstmal selbst finden (ich weiß es klingt doof, aber das trifft den Nagel auf den Kopf). Das ging natürlich schlecht in einer Atmosphäre in der einem ständig gesagt wird: “du solltest dies tun, jenes tun, jetzt wirds langsam Zeit, du musst doch mal Geld verdienen usw. Gott gibts nicht, ich weiß das doch besser, usw.
    Ich bin also erstmal in den Tempel gezogen. Das gab natürlich auch einen riesen Terz, der einziger der es nachvollziehen konnte war mein Bruder. Mit der Zeit hat sich das aber gelegt, weil sie gesehen haben, dass glücklich geworden bin. Ganz normal bin ich aus dem Tempel ausgezogen, weil ich studieren wollte, ich geh arbeiten, übrigens bei meinem Vater in der Firma und wir haben jetzt ein gutes Verhältnis. Ich toleriere, dass er Atheist ist und er, dass ich ein “Hare Krishna” bin.

    Ich denke es ist immer schlimm, wenn Eltern ihrem Kind vorschreiben wollen, was es zu tun und zu lassen hat. Irgendwann ist man frei seine eigene Entscheidung zu treffen!
    “Schande der Familie”, so dachten meine atheistischen Eltern auch von mir. Christen, Atheisten, Hare Krishnas Moslems, egal wo die Eltern sich zugehörig fühlen, wenn das Kind was anderes machen will, ist es immer die “Schande der Familie”

  3. cialis generika kaufen Says:

    groupe par specialites et avait ainsi constitue, Aus diesem Grunde gehen auch die Ansichten uber:)

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