September 15th, 2005
Abgehauen.
Es ist dunkel. Ich bin müde. Mir ist kalt. Zu allem Überfluss hat es jetzt auch noch angefangen wie aus Eimern zu schütten. Ich hasse es! Ich bereue meine Entscheidung. Wie gern wäre ich jetzt zuhause. Doch es gibt kein Zurück mehr. Ja, ich bin von zuhause abgehauen! Scheiße!
Wie es dazu gekommen ist? Eine lange Geschichte.
Es war einer dieser üblichen Schultage, die ich hasste. Mathe: 5. Chemie: 5. Wie ihr euch denken könnt, war ich extrem schlecht gelaunt. Ihr müsst wissen, ich bin schon zweimal sitzengeblieben. Ein weiteres Mal kann ich mir nicht leisten.
Nagut, so kam ich also völlig depri nach hause. Das letzte was ich jetzt brauchen konnte war dummes Gemecker von meinen Eltern. Doch es kam wie es kommen musste. Nein, meine Mutter empfing mich nicht mit einem netten “Wie war’s in der Schule?”..sondern mit ihrer typischen Masche. Lern doch mehr für die Schule, aus dir soll doch noch was werden. Hör endlich auf zu rauchen…bla bla bla! Ich hatte echt die Schnauze voll. Ich weiß selbst wie schlecht ich in der Schule bin, das brauch mir kein Mensch zu sagen. Ich denke, ich bin einfach nicht für die Schule gemacht. Lernen, Hausaufgaben machen war noch nie mein Ding. Ich will später durch die Welt reisen. Dazu brauch ich nicht mal Abitur. Aber meine Eltern verstehen das nicht.
An diesem Tag wurde mir alles zuviel. Sollten sie mich doch alle in Ruhe lassen! Ich wollte nie wieder zur Schule und mein Ding durchziehen. Ich hörte meiner Mutter schon gar nicht mehr zu. Inzwischen war auch mein Dad dazugekommen. Er fing auch gerade eine Moralpredigt an. Meine Wut, die sich in den letzten Monaten angestaut hatte, brach mit einem Mal aus mir raus. Ich schrie sie an, beschimpfte sie, warf mit herumliegenden Gegenständen rum. Mit einem Mal waren beide verstummt. Ich rannte aus der Wohnungstür ohne nachzudenken. Ich wollte bloß weg. Stundenlang lief ich völlig außer mir durch die Nachbarschaft. Ich versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Was sollte ich jetzt bloß machen?
Es wurde Abend. Erschöpft setzte ich mich auf eine Parkbank. Wo sollte ich hin? Nachhause fürs erste auf jeden Fall nicht. Und die Schule - die konnte mir auch erstmal gestohlen bleiben. Ich weiß nicht, wie spät es war, nach einer Weile schlief ich jedenfalls auf der Bank ein.
Die ersten Tage verliefen noch relativ gut. Tagsüber hing ich im Stadtpark rum, manchmal schaute ich den fußballspielenden Jungs auf dem Sportplatz zu. Mit den paar Euros, die glücklicherweise noch in meiner Jackentasche waren, konnte ich mir etwas zu Essen kaufen. Gegen Ende der Woche wurde aber auch dieses Geld knapp. Am Freitag hatte ich kein Geld mehr. Schluss? Ich war verzweifelt. Was sollte ich jetzt machen? An mein Sparbuch kam ich dummerweise auch nicht. Dazu musste ich nach Hause gehn und das wollte ich auf gar keinen Fall. Ich wusste keine Lösung.
Nun sitze ich hier. Es ist Freitagabend und ich bin immer zu keinem Schluss gekommen. Es geht nicht mehr. Mir gehts dreckig. Kein Ausweg. Der Regen prasselt auf mich nieder. Tränen schießen aus meinen Augen. Ich will nicht mehr!
Plötzlich höre ich eine besorgte Stimme hinter mir. “Yvonne..was zum Teufel machst du denn hier?” Erschrocken drehe ich mich um. Meine Schwester Sandra! Gerührt fallen wir uns um den Hals. Sie nimmt mich an der Hand. Wie früher als ich klein war. Doch im Moment störts mich nicht. Sie führt mich durch die mit Laternen schwach beleuchtete Allee. “Yvonne”,sagt sie leise, “ich denke, es ist das Beste du kommst zu uns zurück.” Sie hat Recht. Schweigend laufe ich neben ihr her.