Die zweite Sintflut

Seit langem mal wieder eine Kurzgeschichte. Diese hier hab ich für das “Bibel und Literatur”-Seminar geschrieben.

Vor ein paar Jahren machte ich eine Wandertour mit meiner besten Freundin Tanja. Vom Stadtrand Berlins Richtung Ostsee. Ja, zugegeben: Eine sehr sportliche Idee und wie wir jetzt wissen eine ziemlich bescheuerte. Aber dazu später mehr.
Es war also einer der ersten Tage, an denen wir noch hochmotiviert waren und uns schon in die schöne Uckermark vorgekämpft hatten. Meine Füße schmerzten und auch Tanja war schon seit wenigen Stunden irgendwie angenervt. „Boah, wenn doch endlich ein Camping-Platz käme…“, nörgelte sie und auch ich, die normalerweise die geborene Optimistin war, merkte, dass sie mich mit ihrer Gereiztheit schon spürbar ansteckte. Die Stimmung zwischen uns war aufgeladen. Was beschwerte sie sich denn? Wer buckelte sich denn die ganze Zeit mit dem 2er-Zelt ab? Ich wollte ihr gerade etwas entgegnen, als ich in der Ferne ein blaues Schild vom Campingplatz „Zur Waldesruhe“ aufblitzen sah. Mann, war ich erleichtert! Einfach nur etwas schlafen, und dann würde es morgen, hoffentlich mit weniger angespannter Stimmung weitergehen…
Doch es kam natürlich alles ganz anders. Auch Tanjas Laune hatte sich beim Erreichen des Platzes sichtlich gebessert. „Komm, wir gehen uns mal gleich beim Platzwart anmelden!“, sagte sie und lief zielstrebig Richtung Büro. Ein Mann, Mitte 50, in grauer Jogginghose und verblichenem Polo-Hemd empfing uns mit einem mürrischen Gesichtsausdruck: „Menschenskinder, ick wollt doch grad dit Janze dichtmachen“, brummelte er. „Könnter‘ denn nich lesen?“ Er deutete auf ein Schild mit den Öffnungszeiten. Ich seufzte. Er schob uns missmutig ein Formular hin. „Jetzt macht aber ma hinne! Ick hab och nich den janzen lieben Tach Zeit…“ Ich warf Tanja einen genervten Blick zu. Am liebsten hätte ich auf dem Absatz kehrt gemacht. Doch Tanja füllte schon das Papier aus.
„Mann, was für ein charmanter Typ!“, sagte ich zu ihr, als wir das Büro verlassen hatten. „Ja, das kannst du laut sagen. Aber was sollen wir auch machen hier in der Pampa? Wenn wir weiterlaufen, kommt doch auch keiner weiterer Campingplatz!“ Wie recht sie hatte. Ich warf einen besorgten Blick gen Himmel. Da hatte sich schon einiges zusammengebraut. Tiefschwarze Wolken. In der Ferne ein Grollen. „Glaubst du, dass es heute noch regnet?“ „Ach, was! Das wird schon weiterziehen.“
Als wir später in unseren Schlafsäcken lagen, brachen die Wolken auf. Regen prasselte auf die Zeltplane. Tanja, die meinen Gedanken erraten hatte, murmelte: „Ach, das hört sicher gleich auf.“ Natürlich hat man so als Outdoor-Sportler schon so einige Regenschauer erlebt. Aber ich muss sagen, dies hier konnte nicht mehr als simpler Schauer bezeichnet werden! Innerhalb weniger Minuten hielt das Zelt den Wassermassen nicht mehr stand und die Plane fing an Wasser durchzulassen. Wir fluchten! Das konnte doch nicht war sein! Blitzschnell packten wir unsere Sachen zusammen. „Und was jetzt???“, kreischte Tanja. Ich war ratlos. Dieser „Regen“ würde sicher nicht gleich wieder aufhören. Es würde sich noch herausstellen, wie recht ich damit haben würde…
Am Zelteingang hatte sich eine riesige Pfütze gebildet. Plötzlich hörte ich das Brummen eines Motors. Ich öffnete den Reißverschluss des Zeltes und warf einen neugierigen Blick hinaus. Vielleicht 100 Meter weiter sah ich einen Wohnwagen, zugegeben etwas abgeranzt – aber klar: Das war unsere Chance. „Haaalt, bleiben Sie stehen. Nehmen Sie uns mit!“, brüllte ich, während ich mit schnellen Schritten auf den Wohnwagen zu rannte. Der Fahrer hörte mich wohl nicht durch den dichten Regen? „Halt!“ Doch irgendwie schien der Fahrer Startprobleme zu haben. Ich klopfte mit den Fäusten an das Autofenster. Der Fahrer, ein Mann mit langen, braunen Haaren in Batikhemd sah mich an, lächelte und öffnete dann die Fahrertür: „Hey, na. Schreckliches Unwetter, nicht wahr. Gehört dir das Zelt da drüben?“ Ich erzählte ihm von Tanja und mir und unserem Problem des durchnässten Zeltes. „Ach, ist doch kein Problem. Stellt euch doch erst mal bei mir unter.“, sagte er mit einem sanften Lächeln. Ich rief nach Tanja, winkte sie hektisch heran und nicht mehr lange und wir saßen in der Sitzgruppe in 70er-Jahre-Style bei einer Tasse Jogi-Tee, die uns Noah, so hieß unser Retter, angeboten hatte.
„Das ist übrigens meine Freundin Ezra“, stellte er uns die eben hereingekommene Frau in langem Wickelrock und dunklen Augen vor. „Wir würden ja gerne weiterfahren, aber irgendwie hat unser Wagen schlappgemacht. Der Motor springt nicht an.“ Na, super. Meine Hoffnung schwand von einem Moment auf den anderen. Irgendwie hatte ich gehofft, dass ER uns mit seinem Wagen irgendwo wieder in die Zivilisation zurückbringen würde. Ich warf einen nachdenklichen Blick aus dem Fenster, an das der Regen unermüdlich prasselte. „Aber ist ja alles halb so schlimm – nicht wahr? Jetzt sind wir ja schon mal vier, die hier diese Krise zusammen meistern werden. Zusammen sind wird stark.“ Gerade den letzten Satz sprach er mit einer deutlichen Überschwänglichkeit aus. Tanja rollte mit den Augen. Ich konnte an ihrem Gesicht bereits ihren Gedanken erkennen: „Was zum Teufel faselt der da?“. Ja, zugegeben. Es war schon eine komische Situation. Ein Hippie mit seiner Freundin, der dem Unwetter irgendwie mit viel Optimismus entgegen sah, ein alter Wohnwagen mit völlig geschmackloser Einrichtung – und ja mittendrin waren wir! Irgendwann versiegte das Gespräch. Peinliche Stille trat ein. Tanja war schon längst in eine andere Welt abgetaucht. Sie hatte die Kopfhörer ihres iPods tief in ihre Ohren gesteckt und hörte jetzt wahrscheinlich irgendwas, was sie von dem Ganzen hier ablenkte. Na toll.
„Wart ihr schon mal in Indien?“, fragte ich Noah, um das Gespräch wieder ein bisschen in Gang zu bringen. Über der Sitzecke hing ein Poster, auf dem der Taj Mahal abgebildet war, welches mir schon beim Hereinkommen sofort ins Auge gesprungen war. In Folgenden erzählte er von seinem Roadtrip nach Neu-Delhi, Rajastan und weiteren fremdklingenden Orten. Erzählte von Menschen, die ihn mit viel Gastfreundschaft in ihren Häusern aufgenommen hatten. „Es ist schon unglaublich, wie anders die Mentalität dort unten ist“, sagte er mit einem bewundernden Lächeln. Und zu Ezra gewandt: „Und weißt du noch, wie gut sie sich um uns kümmerten, als wir beide mit Magenverstimmungen flachlagen?“
Er und Ezra erzählten bis in den späten Abend, bis in die Nacht hinein von ihren Erlebnissen auf ihrem Selbstfindungstrip. Es regnete immer noch. Unser Zelt war wohl schon längst unter den Wassermassen zusammengebrochen. Ich konnte es durch den dichten Schwall von Wasser nicht mehr erkennen. Was war das auch für ein Regen? Auf der ganzen Wiese hatten sich tiefe Pfützen gebildet, nein – das waren keine Pfützen mehr, sondern schon Seen!
Und jetzt komme ich immer zu dem Teil, den mir die meisten Menschen, denen ich diese Geschichte erzähle, nicht glauben wollen: Ja, das war nicht ein einfacher Regen, es regnete die nächste Woche, vielleicht sogar noch länger weiter. Irgendwann verloren wir völlig das Zeitgefühl. Wir verloren schnell die Lust daran, einfachen Small-Talk zu führen. Ich glaube selbst Noah, der anfangs noch so leichtfüßig mit der Situation umzugehen schien, hoffte unterdessen aus tiefstem Herzen, dass der Regen, die zweite Sintflut, endlich aufhören würde. Dass wir wieder unsere eigenen Wege ziehen würden.
Wir ernährten uns die ganze Zeit von Dosenravioli, Tütensuppen und den restlichen Vorräten. Und was sollte man den lieben langen Tag tun? Und vier Menschen auf so engem Raum – das kann einfach nicht lange gutgehen. Vor allem ging mir schnell – und Tanja, die noch weniger offen ist als ich, Noahs und Ezras Esoterik-Macke so dermaßen auf die Nerven. Morgens Ewigkeiten Yoga. Sonnengruß und natürlich Meditation. Mit Mantra und allem drum und dran. Irgendein Esoterik-Zeug halt!
Vielleicht ging mir das ganze aber auch nur so auf die Nerven, weil ich nicht damit klar kam, dass die beiden mit der Situation die ganze Zeit so entspannt umgingen. Es schien sie nicht im Geringsten zu stören, dass sie hier für eine ganze Weile einfach in einem Wohnwagen mitten in der Pampa, umgeben von endlosem Regen und zwei ihnen völlig unbekannten Menschen festhingen.
Ich hatte das Gefühl mich speziell von Tanja, seit wir in dieser Sintflut festgehalten wurden, meilenweit entfernt zu haben. Ich glaube, ihr war das alles zu viel. Sie konnte mit dieser Situation nicht umgehen. Zumindestens sprach sie tagelang nicht, aß nur sehr wenig und ich hatte das Gefühl sie nicht erreichen zu können. Wir waren ja auch völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Noah hatte eine paar Mal versucht, das Autoradio in Gang zu bringen, hatte aber keinen Empfang aufbauen können. Auch unsere Handys hatten keinen Empfang. Zu gern hätte ich gewusst, was außerhalb dieses isolierten Raumes, indem wir uns ja zwangläufig befanden, geschah. Waren schon Flüsse über die Ufer getreten? Wie ging es unseren Freunden und der Familie? Tanja schien gerade dieser Aspekt sehr nahe zu gehen. Sie war immer die Erste von uns beiden, die Telefonzellen am Wegesrand sofort nutzte, um ihren Freund und ihre Familie anzurufen.
Auf eine Art und Weise fühlte ich mich von ihr aber auch im Stich gelassen. Dachte sie etwas, ich fand es toll, die ganze Zeit in Noahs Wohnwagen zu leben und auf das Ende des Regens zu warten? Warum redete sie nicht mit mir über ihre Gefühle? Konnten wir nicht auch diese Krise gemeinsam durchstehen?

Doch irgendwann – war es nach zwei Wochen oder war es nach noch längerer Zeit? – geschah das Wunder. Eines Morgens, ich hatte die ganze Nacht nur wenig geschlafen, wachte ich auf. Irgendwas war anders. Ja – kein prasselnder Regen! Ich stieß einen kleinen Freudenschrei aus, als ich aus dem Fenster blickte. Die Sintflut war vorbei! Das Wasser stand zwar immer noch ziemlich dicht auf der Wiese. Aber es war vorbei. Es war tatsächlich vorbei. Die zweite Sintflut war vorüber.
Auf einmal war die Stimmung bestens. Ich hatte Noah, Ezra und natürlich auch Tanja natürlich sofort geweckt. Wir fielen uns gegenseitig mit sichtlicher Erleichterung in die Arme. Und auf eine Art und Weise konnten wir es glaub ich auch nicht fassen, dass es wirklich vorbei war.
Als ich das erste Mal auf die feuchte Wiese trat, hörte ich absolut nichts. Stille – Hinter den Bäumen. Ja, tatsächlich: Ein Regenbogen. Es war wunderschön. Keine Menschenseele war zu sehen. Doch dann – ich konnte es zuerst nicht einordnen. Ein Geräusch. Das Brummen eines Automotos in der Ferne. Dann sah ich ein Auto näherkommen. Wer war das? Als der Fahrer ausstieg, erkannte ich in ihm den brummeligen Campingplatz-Besitzer. Ich rannte ihm entgegen - ein Mensch, der uns hier wirklich wegbringen könnte! Als ich näher kam, hörte ich ihn schon etwas vor sich hinmurmeln wie „Wat is denn mit dem Mädel los?“ Ich erzählte ihm aufgeregt die gleiche Geschichte, die du, lieber Leser, gerade gelesen hast. Natürlich – er glaubte mir nicht! „Sintflut sachste? Dit kannste denem Frisör erzählen!“ „Ja, wirklich. Wir sind hier wirklich eingeregnet. Ich und meine Freundin waren die ganze Zeit in dem Wohnwagen…“ Er winkte ab. „Ach, komm – sei froh, dass ick dir die paar Tage Platzjebühr nich berechne. Konnte wegen meiner Tante mütterlicherseits hier een paar Tage nich vorbeikucken…“ Er erzählte, dass er ja einen seiner Brüder beauftragen wollte usw. usw. Konnte es wirklich sein – dass die Sintflut,die wir erlebt hatten, woanders gar nicht stattfand? Warum hatten wir sie erlebt?
Ich habe es nie erfahren. Und ich werde es wohl nie erfahren. Ich weiß nur, dass diese Geschichte unglaublich ist. Also, fühl dich geehrt, lieber Leser, dass ich sie dir gerade erzählt habe…

Tags:

  • You can skip to the end and leave a comments. Trackback is currently closed.
  • Trackback URI: http://www.missxyz.de/index.php/172/die-zweite-sintflut.html/trackback
  • Comments RSS 2.0

Leave a Reply