Juli 23rd, 2008
Ringbahnfahren

Hier in Berlin gibt es ja die tolle Ringbahn, mit der man, wenn man genau eine volle Runde mit ihr fahren will, etwa eine Stunde braucht. Eine Stunde, die ich heute mal opfern wollte. Im Moment habe ich sowieso frei (theoretisch gesehen schon seit Mai , seit ich nämlich keine Schule mehr habe!), also warum nicht?
Es ist 11.13 Uhr. Ich warte bis mein Bus kommt, der mich zur besagten Ringbahn fährt. In meiner Tasche befindet sich meine Kamera, meine BVG-Karte, ein Stadtplan (falls ich doch mla aussteigen sollte), mein MP3-Player (falls während der Fahrt wirklich nichts Spannendes passieren sollte) und…natürlich mein Notizbuch und einen Stift, mit dem ich interessante Begebenheiten notieren werde. Ich bin schon gespannt, was mich erwartet.

Westend. Der Start- und Zielpunkt meiner Ringbahnfahrt.
11.20 Uhr S-Bahnhof Westend. Ich habe mich entschlossen, den Ring im Uhrzeigersinn abzufahren. Leider habe ich diese Bahn aber gerade verpasst und muss fünf Minuten auf die nächste warten. Zum Glück, muss ich sagen, denn ich höre ein interessantes Gespräch von drei Mädchen (die vielleicht etwas jünger sind als ich) mit.
“Boah, mein Arm tut so dermaßen weh. Vom Blutabnehmen. Schon seit dem Wochenende!”, beschwert sich eine von ihnen. Ihre Freundinnen schauen mitfühlend und eine gibt ihr folgenden Ratschlag: “Da muss man am besten danach zwei Minuten draufdrücken, dann tut’s nicht so doll weh!” Aha? Themawechsel. Das Mädchen hat auch etwas, worüber sie sich aufregt: “Dieser Drink von Norma schmeckt ja echt gut. Aber…ich hasse diesen Laden Norma. Da ist immer alles über Datum. Dieser Drink hier auch. Und ich hab dafür noch 69 Cent ausgegeben…”. Sie zeigt auf die Flasche. Die anderen schauen sich die Flasche genauer an. Und sogleich gibt es ein neues Thema: “Wie viel Kalorien hat der denn? Oh, 120 kcal. Ist ja echt viel!” “Ja”,sagt die Dritte,”ich hab sowieso schon immer arg Probleme, mein Gewicht zu halten…” Naja.. das sieht man ihr jedenfalls nicht an!
11.25 Uhr Die S-Bahn kommt! Die eigentliche Ringbahnfahrt beginnt jetzt also! Was mir sofort in meinem Waggon auffällt, ist die große Anzahl von Hunden. Mir gegenüber sitzen zwei Männer mit einem Hund. Ein paar Meter weiter steht eine Frau mit zwei Hunden.
Wedding. Eine Mutter mit zwei Kindern (eines davon im Kinderwagen) steigt ein. Sie muss ihre Kinder immer wieder lautstark beruhigen, dass sie ja gleich wieder aussteigen würden. Das ältere Kind, ein Mädchen von etwa 6 Jahren, wiederholt immer wieder ihrem Bruder, was die Mutter gerade gesagt hat…
Schönhauser Allee. Die Berliner sind ja nicht gerade für ihre Höflichkeit bekannt… Dieses Vorurteil wird jetzt deutlich bestätigt. Am Eingang hat sich ein Radfahrer hingestellt. Laut keift die Mutter mit Kindern:”Hey Sie!Sie versperren hier alles!Gehen Sie gefälligst aus dem Weg. Wir wollen aussteigen!!!” Andere Fahrgäste reihen sich in ihr Geschrei ein. “Ja, genau. Ich will auch raus!”, “Man kann sich ja echt mal woanders hinstellen. Wird ja wohl nicht so schwer sein!” Schließlich schaffen es die lauten Fahrgäste doch noch irgendwie sich an dem Radfahrer vorbei nach draußen zu drängeln.
Prenzlauer Allee. Ein älterer Mann versucht sich als Streitschlichter. Er sagt in versöhnlichem Tonfall zum Radfahrer: “Junger Mann, stellen Sie sich doch bitte dort drüben hin. Dann stören Sie doch niemanden!” Der Radfahrer brummelt etwas Unverständliches.
Greifswalder Straße. Problem löst sich von alleine. Der von allen Geächtete verlässt den Zug.
Frankfurter Allee. Hier steigen sehr viele neue Fahrgäste zu. Hauptsächlich junge Leute, vielleicht Studenten, die größtenteils sehr alternativ angezogen sind. Viele von ihnen haben ihr Fahrrad dabei und trinken Kaffee aus Coffee-to-go-Bechern.
Ostkreuz. Interessantester Zustieg: Ein Neonazi. Zumindestens vermute ich es, im Hinblick auf sein Thor Steinar-Shirt (die Marke wird ja häufig als Erkennungsmerkmal der rechtsextremen Szene angesehen). Auf seinem T-Shirt steht unter dem Markennamen: “Furchtlos und beharrlich”. Durch ihn erfahre ich auch die heutige BZ-Schlagzeile: “Der Schlächter mit dem Guru-Bart” (in Anspielung auf die Festnahme des Kriegsverbrechers Karadžic). Neben mir sitzt ein dunkelhäutiger Mann, der mit seinem Handy auf Französisch telefoniert. Doch der “Nazi” zeigt keine besondere Reaktion. Er ist in die Lektüre der BZ vertieft.
Neukölln. Leicht prollige Passagiere steigen ein. So zum Beispiel ein Junge in Hiphopper-Kluft (Baggys, Goldkettchen) und ein Mädchen mit pinken Klamotten und rosa Handtäschchen.
Tempelhof. Meine Ringbahnfahrt wird eine kleine Sightseeing-Fahrt. Am Fenster zieht das riesige Gelände des Flughafen Tempelhofs (wird Ende Oktober geschlossen) vorbei.
Schöneberg. Jetzt beginnt das letzte Viertel meiner Ringfahrt. Die letzten bekannten Gesichter steigen aus. Niemand, der die ganze Zeit mit mir im Zug saß, ist übriggeblieben. Auf einmal ist der Zug ziemlich leer.
Bald bin ich am Ziel. Die restliche Fahrt verläuft relativ ereignislos. Vielleicht bin ich aber auch nicht mehr ganz so aufmerksam, weil ich diesen letzten Teil des Rings schon sehr gut kenne, da ich diesen Abschnitt auch häufiger fahre.
12.25 Uhr Tatsächlich! Ich habe genau eine Stunde gebraucht, um den Ring einmal abzufahren. Ich habe viel gesehen, viel beobachtet (das Spannendste habe ich soeben hier notiert). Durch eine solche Ringbahnfahrt sieht man meiner Meinung nach erst, wie vielseitig Berlin ist, wie vielseitig die Menschen sind, die hier leben. Sicher ein “Experiment”, was ich nochmal machen würde…
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