Zwischen Zimmerpflanze und Plüschsessel - Besuch eines Wohnzimmerkonzerts in Berlin-Westend

Es ist kurz nach halb sechs. Vor dem Eingang einer Altbauwohnung in Berlin-Westend drängen sich schon etwa zehn Personen unterschiedlichen Alters und reihen sich brav in eine kleine Schlange ein. Man wird mit einem freundlichen Lächeln begrüßt, zahlt 13 Euro. „Bier ist auf dem Balkon, die restlichen Getränke sind in der Küche!“, sagt ein Mann und ich nicke dankbar über diese wertvolle Information. Was hier heute los ist? Steigt hier etwa eine Party?
Nein, heute Abend findet in dieser Wohnung ein sogenanntes Wohnzimmerkonzert, veranstaltet von einer Organisation namens „Live in the Living“, statt.
Die Idee, Konzerte verschiedenster Bands unterschiedlichster Musikrichtungen in privaten Wohnzimmern stattfinden zu lassen, stammt ursprünglich aus den Niederlanden. Der Trend fing zunächst in kleinem Rahmen an. Musiker, die noch relativ unbekannt waren, trafen sich bei Freunden, um ihnen ihre neuesten Stücke vorzuspielen. Elena Brückner, die Organisatorin der „Live in the Living“- Konzerte, holte diesen Trend nach Deutschland, sodass zum Beispiel in Berlin diese Art von Konzerten schon seit Anfang 2006 stattfinden.


Netter Small-Talk in der Küche

Ich gehe in die Küche. Auf einem großen Küchentisch stehen bereits viele Gläser, Wein, Cola, Wasser, Saft. Im hinteren Teil der Küche haben sich schon einige Konzertbesucher um den Gastgeber versammelt. Die ganze Atmosphäre erinnert ein bisschen an die einer privaten Party. Die Gesprächsthemen und die Small-Talk sind die gleichen. „Ja, ist doch mal schön, ein paar Musiker im Haus zu haben“, sagt der Gastgeber gerade und lächelt den interessierten Gästen zu. „Aber ihre Wohnung ist ja echt edel. Sind hier im Haus alle Wohnungen so gebaut?“, fragt ein Frau mit langen, brünetten Haaren. „Nein, nein“, sagt der Gastgeber und schon erzählt er einige Insider-Details zur Geschichte des Hauses.


Das Wohnzimmer des Gastgebers

Das Wohnzimmer, in dem in wenigen Minuten das Konzert mit einer norwegischen Jazz-Band und die Band einer südamerikanischen Sängerin beginnen wird, ist bereits zur Hälfte gefüllt. Es ist ein holzgetäfelter, ein bisschen an einen Salon erinnernder Wohnraum. Man kann sich aussuchen, ob man es sich entweder auf den roten Samtsofas und auf den Plüschsesseln des Gastgebers bequem machen oder auf den, zum größten Teil noch unbesetzten, Klappstühlen von „Live in the Living“ Platz nehmen will. Das Wohnzimmer strahlt gerade mit der edlen Gestaltung durch die Wandverkleidung aus dunklem Holz und einem schwarzen Flügel im hinteren Teil auf jeden Fall eine gemütliche Stimmung aus. Und es kann gerade durch diese Ausstrahlung keinesfalls als gewöhnlich bezeichnet werden. Im Moment haben sich vielleicht schon etwa 20 Leute auf den verschieden Sofas oder eben auch auf den Klappstühlen bequem gemacht. Alle paar Minuten ertönt jedoch erneut der schrille Ton der Türklingel und neue Konzertbesucher betreten das Wohnzimmer.


Rolf von der Band “Hero”

Zwanzig Minuten nach angekündigten Beginn des Konzertes betritt schließlich einer der Organisatoren die „Bühne“. „Hallo, ich bin Markus. Schön, dass ihr alle gekommen seid!“, sagt er und erklärt, dass er für den heutigen Abend die Moderation übernehmen wird. „Ach, übrigens. Wir haben heute noch ein Filmteam dabei vom ARD Morgen-Büffet“ sagt er und deutet nach hinten zu einem Kameramann, der sich bereits im hinteren Teil des Wohnzimmers positioniert hat. „Wir sind vom ARD – Büffet“, erwidert grinsend der Tontechniker. „Achja, klar. Das guck ich sowieso nicht!“, antwortet Markus. Gelächter im Zuschauerraum. „Na, wie auch immer.“, sagt er schulterzuckend und kündigt die erste Band, die norwegische Jazzband „Hero“, an. Diese werde in wenigen Minuten auftreten. Er erklärt auch gleich, dass der Bandname keinesfalls, wie oft angenommen, wie das englische Wort für „Held“ ausgesprochen wird, sondern sich aus den beiden Vornamen der Bandmitglieder , Helge und Rolf, zusammensetze. Gut zu wissen!
Die zwei Musiker betreten die Bühne. Rolf, der Saxophonist, erklärt auf Englisch: „Everything we play is improvisation“ und witzelt dann: „So, it can be real shit, but also really good!“ Mit soviel Ehrlichkeit und Hinterfragen der eigenen Musik hat er natürlich sofort die Sympathie des Publikums auf seiner Seite. Was „Hero“ nun spielen, hört sich keineswegs wie der typische Jazz an, wie wir ihn schon so oft gehört haben und wir wir ihn kennen. Man könnte die Art von Jazz, wenn man es überhaupt als Jazz bezeichen möchte, als eine Art experimentellen Jazz bezeichnen. Da werden ruhig mal mit dem „Raufklopfen“ auf das Saxophon Töne erzeugt, auf dem Klavier sekundenlang der selbe Ton gespielt, mit hektischen Fingerbewegungen eine dramatische und teilweise auch aufgeregte Atmosphäre erzeugt. Sowohl das Saxophon, als auch das Klavier werden folglcih nicht auf konventionelle Art und Weise gespielt. Aber das macht es vielleicht auch gerade interessant! Die Musik der Künstler, mag sie noch so experimentell klingen, ist allerdings keineswegs anstrengend anzuhören. Im Gegenteil! Bereits nach wenigen Minuten ist zu beobachten, dass sich weite Teile des Publikums zurücklehnen, die Augen schließen oder die Gesichter nachdenkliche und verträumte Züge annehmen.
Nach etwa 15 Minuten verlassen die Norweger nach großem Beifall wieder das Wohnzimmer, um das von Markus als „Vorbereitungsraum der Musiker“ bezeichnete Zimmer in einem hinteren Teil der Wohnung aufzusuchen.


“Laura López y Castro y Don Philippe”

Eine dunkelgelockte Sängerin betritt mit einem strahlenden Lächeln die Bühne. Markus stellt sie und noch einen Musiker, einen Gitarristen, als die Band „Laura López Castro y Don Philippe“ vor. Zusätzlich werde die Band am heutigen Abend noch musikalisch von einem Bassisten unterstützt.
Was die gespannten Zuschauer im Wohnzimmer nun erwartet, lässt sich am ehesten in die Musikrichtung Bossa Nova oder Latinjazz einordnen. Mit unglaublich eindringlicher Stimme und in ihrer Muttersprache Spanisch, aber auch in Portugiesisch, singt die Sängerin Laura von verloren gegangener Liebe, vom Verlassenwerden oder stimmt auch mal eine „Ode an die körperliche Liebe“ an. „Versteht hier überhaupt jemand im Raum, was ich singe?“, fragt sie nach einigen Songs mit einem sympathischen Lächeln auf dem Gesicht ins Publikum. Einzelne Ja-Rufe. „Ja, klar. Corazón! Du singst über corazón!“, tönt es vereinzelt aus dem Zuschauerraum. Im Programm, welches ich vorhin noch an der Wohnungstür erhalten habe, steht dazu sehr poetisch: „Es geht hier um Lieder, die einen treffen wie ein schönes Lächeln oder wie ein verführerischer Augenaufschlag.“ Diese Wirkung auf das Publikum kann man durchaus beobachten. Eine Zuschauerin neben mir singt und summt die Texte und Melodien mit, sodass ihre Freundin sie bereits flüsternd und kichernd ermahnt, damit aufzuhören. Ein paar Klappstuhlreihen weiter wippt der eine oder andere mit dem Fuß, einige Zuschauermienen haben sich zu einem versonnenen Gesichtsausdruck verklärt. Nach ein paar weiteren Songs, wird auch noch etwas Weiteres deutlich: Auch „Laura López y Don Philippe“ improvisieren. Da imitiert Laura das eine Mal eine Trompete, und ein anderes Mal, wie sie später gesteht, wird ein Cello durch einen Kontrabass ersetzt. Doch das tut der guten Stimmung keinen Abbruch. Auch diese Band, allen voran natürlich die Sängerin Laura, erntet großen Applaus.


Die “Spendengitarre”

Es ist Pause. Wie bei Parties üblich versammeln die meisten sich in der Küche, um sich bei einem Glas spanischen Roséwein oder auch bei einer Flasche Bier über die beiden gesehenen und gehörten Bands auszutauschen. Die Getränkeauswahl auf dem Küchentisch hat sich schon drastisch verkleinert. Dies ist aber wohl auch nicht weiter verwunderlich angesichts der Tatsache, dass alle Getränke im Preis der Konzertkarte inbegriffen sind. Außerdem liegt jetzt eine kleine Gitarre mit der Aufschrift „Spende“ da. Was in dieser Spendengitarre an Geld lande, bekämen die Musiker als Trinkgeld, wird Markus später erklären.
Wen die gespielten Musiker bereits vollends überzeugt haben, der kann in der großzügigen Diele des Gastgebers eine CD der Künstler für 15 Euro kaufen. Auch Vinylliebhaber kommen hier auf ihre Kosten. Laura López LP ist auch als Schallplatte erschienen. Wen außerdem die Idee des Wohnzimmerkonzerts so sehr begeistert hat, dass er vielleicht sogar in seinem eigenen Wohnzimmer ein Konzert stattfinden lassen möchte (einzige Voraussetzung: das Zimmer muss mindestens 25 m² groß sein), der hat außerdem die Möglichkeit, sich in eine E-Mail-Verteilerliste einzutragen, um über weitere Konzerte informiert zu werden.
In all dem Gedränge, der in der Diele herrscht, schnappe ich ein paar Gesprächsfetzen auf. So unterhalten sich einige der Organisatoren über die Frage bzw. die seltsame Begebenheit, dass eigentlich alle bisherigen „Live in the Living“-Konzerte seltsamerweise gar nicht in den üblichen Trendbezirken wie Kreuzberg und Prenzlauer Berg stattfanden, sondern sich gerade in weniger trendigen Bezirken und Stadtteilen wie etwa Neukölln , oder wie heute auch mal im Westend, sich bei den Gastgebern, die ihr Wohnzimmer zu Verfügung stellen, großer Beliebtheit erfreuen.

Ich gehe zurück in einen der großen Wohnräume, schaue mir interessiert den antiken Schreibtisch und die Gemälde an den Wänden an (der Gastgeber hat aber auch wirklich ein Faible für Antiquitäten!), als mich ein junger Mann vom „Live in the Living“- Team darauf hinweist, dass das Konzert nun weitergehe.
Markus betritt die Bühne und gesteht, dass für ihn „Hero“ einfach „wie Norwegen“ klinge. „Ich höre Norwegen.“, sagt er mit einem enthusiastischen Lächeln und einer Handbewegung Richtung Tür. „Hero“ betreten den Raum und stellen mit bereits gewohnter Eindringlichkeit einige weitere Stücke ihrer neuen Platte vor. Nach etwa einer Viertelstunde werden sie mit dem Applaus des Publikums belohnt, dass gar nicht aufhören will, zu klatschen. Schüchtern verbeugen sich die beiden Musiker immer wieder, bringen immer wieder ein „Danke“ heraus. Dann haben sie so schnell wie sie gekommen waren, auch schon wieder das Wohnzimmer verlassen. Schade eigentlich.

Laura López kommt mit ihrer Band herein. Auch sie spielen noch einen weiteren Teil ihres Repertoires vor. Einen Song müssen sie sogar, natürlich zur Freude des Publikums, noch einmal extra für das Fernsehteam vom ARD-Büffet spielen.
Beim letzten Applaudieren für Laura López und ihre Band spürt man, dass das heutige Konzert beim Publikum sehr gut angekommen ist. Und vor allem: Die Atmosphäre war einmalig. Es schien alles so persönlich, nur wenige Meter von den Musikern entfernt zu sitzen. Die Musiker hatten direkt die Möglichkeit mit dem Publikum zu kommunizieren. Und alles wirkte so ungekünstelt. Vielleicht ergibt sich das auch gerade aus der Tatsache, dass einem in einer Privatwohnung alles mehr wie eine Party bei einem Bekannten oder einem Freund vorkommt. Aber ist es das letztendlich nicht irgendwie auch?

Weitere Informationen und Konzerttermine gibt’s unter www.liveintheliving.de

[missxyz]

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2 Responses to “Zwischen Zimmerpflanze und Plüschsessel - Besuch eines Wohnzimmerkonzerts in Berlin-Westend”

  1. This morning I saw the sun! Says:

    Applaus, Applaus, Applaus!

    Da hat man so lange nichts neues auf missxyz.de entdecken können und dann kommst du mit einem umso längeren Text zurück. ;)

    Gefällt mir alles sehr gut, besonders wie du das Publikum beschreibst bzw die Reaktionen. Ist die Frau die mitsummt möglicherweise eine Person die ich kenne? ;)

    Liebe Grüsse

    Sammy

  2. Lukas Says:

    Heyhey! Das ist doch mal wieder ne richtig schöne lange Reportage! Und schön zu sehen dass es auch mit den Fotos (im edlen schwarz-weiß) noch geklappt hat. Wie ich sehe hattet ihr nen richtig schönen Abend.

    Zum aufwärmen kann ich ja sonst ‘wärmstens’ nen heißen Caipi ans Herz legen: http://www.alkoblog.de/index.php/62/winter-cocktails-01-heisser-caipirinha.html

    Viel Vergnügen und schreib weiter so fleißig!
    Lukas

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