Juni 6th, 2007
Ran an die Töpfe - Der Kochshow-Trend im deutschen Fernsehen

Wo man im deutschen Fernsehen auch hinschaut, überall wird in Kochsendungen und Kochshows gekocht und gebacken, gebrutzelt und gegrillt. ARD bietet unter anderem „Kerners Köche“, „ARD Buffet“ und natürlich auch Alfred Bioleks Sendung „Alfredissimo“ an. Aber auch die Privatsender können mit Sendungen wie „Das perfekte Dinner“, „Schmeckt nicht, gibt’s nicht“ (mit Tim Mälzer), „Die Kochprofis - Einsatz am Herd“ oder „Oliver’s Twist“ (mit Jamie Oliver) aufwarten. Und die meisten der
Shows laufen mit überaus großem Erfolg. „Das perfekte Dinner“ schauen täglich durchschnittlich 1,47 Millionen 14- bis 49-jährige Zuschauer , Tim Mälzers Kochsendung gar im Schnitt 1,56 Millionen Deutsche jeden Abend und gilt damit als erfolgreichste Kochshow im deutschen Fernsehen. Das öffentlich-rechtliche Kochformat „Alfredissimo“ (ARD) erreicht lediglich 1,4 Millionen Zuschauer
Bei einer so großen Kochshow-Vielfalt scheint es schier unmöglich, dass wirklich jede Sendung ihre eigene Zielgruppe hat. Also,wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen den Kochshows?
Alfred Biolek möchte mit „Alfredissimo“ vermutlich ein Publikum ansprechen, dass bereits anspruchvolle Gerichte kochen kann und sich womöglich nur noch zusätzliche Anregungen holen möchte. Zudem steht in seiner Sendung das Kochen nicht vollständig im Vordergrund, eher wird beim angeregten Gespräch mit prominenten Gästen nur nebenbei Wein verkostet und gekocht.
„Das perfekte Dinner“ ist eine Art Reality-Show. Hier sind keine Profiköche am Werk. Innerhalb einer Woche (Montag-Freitags) kocht täglich ein anderer aus einer fünfköpfigen Gruppe von Hobbyköchen. Wer von seinen Mitköchen die besten Bewertungen für sein „perfektes Dinner“ bekommt, kann am Ende der Woche 1.500 Euro gewinnen. Es ist auf jeden Fall sehr unterhaltend und die Sendung ist somit weniger darauf abgezielt, den Zuschauern Anregungen zum Kochen zu geben. Eben gerade dadurch, dass es um den Gewinn von Geld geht, ist es eher eine Gameshow als eine reine Kochsendung.
In die gleiche Kategorie könnte man auch die auf RTL 2 laufende Sendung „Die Kochprofis – Einsatz am Herd“ einordnen. Hier geht es darum, ein nicht erfolgreich laufendes Restaurant, sowohl was Kulinarisches als auch was das Management oder die Einrichtung des Restaurants betrifft, zum Erfolg zu verhelfen.
Tim Mälzers Show „Schmeckt nicht, gibt’s nicht“ will hingegen ein ganz anderes, vor allem auch kochwilliges Publikum ansprechen. Er sagt selbst von sich: “Ich will die Anfänger erreichen und zeigen, dass Kochen eigentlich einfach ist.”
Häufiges Thema seiner Sendungen ist die Verknüpfung von verschiedenen Küchen, aber auch das Aufzeigen von Alternativen bei bereits bekannten Zutaten und Gerichten. Diese Verknüfung lässt sich dann an Gerichten wie „Rahmgeschnetzeltes vom Schweinefilet mit Bandnudeln und Rucola-Salat“, wo deutsche und italienische Küche in Einklang gebracht wird, feststellen. Dadurch ,dass Tim Mälzer zu den jüngsten und auch unkonventionellen Köchen im deutschen Fernsehen zählt, kann man also auch sagen, dass ein jüngeres Zielpublikum angesprochen wird.
Doch wann hat dieser ganze Trend zum Kochen im Fernsehen begonnen? Hat Alfred Biolek angefangen? Falsch! Das ist ein häufig verbreiteter Mythos!
Fernsehkoch Clemens Wilmenrod war der Vater der Kochshow im deutschen Fernsehen. Bereits 1953 ging seine Sendung „Bitte in 10 Minuten zu Tisch“, später folgten “Clemens Wilmenrod bereitet” und “Clemens Wilmenrod bittet zu Tisch”. Dass es damals sicher noch gediegener in Kochsendungen zuging, lässt sich bereits aus der Begrüßung, mit der Clemens Wilmenrod seine Zuschauer begrüßte, ableiten: „Ihr lieben, goldigen Menschen“ oder auch „Verehrte Feinschmeckergemeinde“. Und man hat ihm doch so einiges zu verdanken. Er gilt als der Erfinder des Toast Hawaii und der gefüllten Erdbeere. Der Rumtopf wurde durch ihn populär, ebenso wie der Putenbraten als Weihnachtsessen.
In der Nachkriegszeit war die Bevölkerung neugierig auf neue Produkte, sodass er auch Fertigsoßen, Ketchup und Dosengemüse in seinen Gerichten verarbeitete. Ebenso wollte er den Zuschauern die ausländische Küche, vor allem die italienische, durch die Verwendung von Zutaten wie Knoblauch und Olivenöl, näherbringen. Somit hatte er deutlich Einfluss auf Veränderungen in den deutschen Küchen. Von nun wurde nicht mehr ausschließlich gutbürgerlich gekocht, sondern vermehrt auch Elemente aus der asiatischen und der südeuropäischen Küche aufgegriffen.
Die große Frage ist natürlich: Wieso hat sich der Kochshow-Trend seit den 50ern bis heute so gut gehalten? Wo liegt die große Faszination der Kochshows?
Zum einen ist es sicher der Unterhaltungsfaktor. Was gibt es Entspannenderes als sich nach einem langen Arbeitstag vor den Fernseher zu setzen und einem echten Profi beim Arbeiten zuzugucken (oder den sarkastischen Kommentaren des Kommentators bei „Das perfekte Dinner“ zu lauschen…“Na, ob das wohl noch gelingt?“). Wenn man sich dann noch zusätzliche Anregungen zum Nachkochen holen kann, warum nicht?!
Die Mehrzahl der Zuschauer wird wohl dann aber doch nicht die Rezepte nachkochen. Es ist einfach entspannend aus dem Grund, weil es im Fernsehen immer so einfach aussieht. Hier brennt nichts an, die Gerichte sind alle so gut zubereitet, dass man am Ende der Sendung die „Ahh“- und „Ohh“- und „Mhh..lecker“-Ausrufe der gesamten Kochshow-Crew hört. Tim Mälzer steht mitten drin und genießt Anerkennung. Ein bisschen Anerkennung dafür, dass er gut kochen kann. Und nun mal ehrlich, wer wünscht sich das nicht?
[missxyz]
Tags:essen, Fernsehen, Kochen, OHnE
Mai 26th, 2010 at 17:22
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