April 8th, 2007
Auf der Suche nach Mr. O.
Es war früh am Morgen. Sie fröstelte leicht in ihrem pinken Pyjama mit Bärchenprint. Aber das musste sie jetzt durchstehen. Heute Nacht musste sie sich einfach auf die Lauer legen, um endlich das große Geheimnis zu lüften. Ihre Eltern taten immer so komisch, wenn die Rede auf ihn kam. Sie hatte gesehen, wie sie sich angesehen hatten, als sie sie wieder mal ausgefragt hatte. Wie groß war er? Wie sah er aus? Was mochte er besonders gerne? Sie wollte alles wissen, doch was taten ihre Eltern? Schwiegen unermüdlich! Aber wieso?
Genau diesem Geheimnis wollte sie auf die Schliche kommen. Heute Nacht. Und wie? Indem sie auf ihn wartete und beobachtete! Sie hoffte inständig, dass er nicht gefährlich sei. Aber selbst wenn, dachte sie trotzig. Wenn Mama und Papa ihr nichts sagten, waren sie am Ende selbst Schuld, wenn sie verschwände.
Sie zitterte unterdessen am ganzen Körper. Die kalte Backsteinmauer, an die sie sich lehnte, trug auch dazu bei. Müdigkeit überfiel sie. Wie lange sie wohl schon wartete? 10 Minuten? 1 Stunde? Länger? Sie hatte sich zwar Papas kleine Taschenuhr vom Nachttisch genommen, doch die half ihr nichts. Dumm, dass sie noch nicht so gut die Uhr lesen konnte. Was zeigte nochmal der kleine Zeiger an?
Und wann würde er wohl kommen? Und wie sah er wohl aus? Ob er wohl wirklich lila und plüschig war und lange Schlappohren besaß? Sie gähnte. Ihre Augen klappten immer wieder zu. Nein, pass auf!, ermahnte sie sich. Sie durfte jetzt unter keinen Umständen einschlafen. Irgendwo an der Vordertür hörte sie ein Rascheln. Sofort war sie hellwach. Sicher war er das! Ihr Herz pochte bis zum Hals. Vorsichtig schlich sie sich an der Hauswand entlang. Ihr Papa sah manchmal so komische Filme mit Männern, die eine Pistole in der Hand hielten. Die schlichen sich auch immer an Häuserwänden entlang.
Sie war fast an der Häuserecke angekommen, da kam jemand um die Ecke und sie stießen zusammen. Sie schrie auf. Der Jemand stieß auch einen überraschten Schrei aus. Einige Sekunden verstrichen, dann erkannten sie einander. Susi!!! Papa!!! Was machst DU denn hier? Ihr Papa sah sichtlich verschreckt. Er hatte noch seinen Morgenmantel an und trug sowohl in der rechten als auch in der linken Hand Plastiktüten, in deren Innern Susi nach längerem Hinsehen kleine Ostereier in Silberfolie erkennen konnte. Tränen der Enttäuschung liefen ihr über die Wangen. Wie konnte das sein? Ihr Papa der Osterhase? Nein, das konnte einfach nicht sein! Je mehr sie darüber nachdachte, desto stärker fing sie an zu weinen. „Mensch, Susi!“, sagte ihr Vater und nahm sie in den Arm. Er trug sie, schluchzend, ins Haus und legte sie zurück in ihr Bett. Er saß noch eine ganze Weile auf der Bettkante und versuchte sie zu trösten. Alle Vorstellungen, die sie jemals vom Osterhasen gehabt hatte, waren an diesem Morgen zerplatzt wie eine Seifenblase. Keine Schlappohren, nicht lila und auch nicht plüschig! Die Geschichte vom Osterhase, so traurig es auch war, hatte sich einzig und allein als großer Bluff herausgestellt…