Januar 17th, 2007
Paranoid?

Was war los? Was wollten die Männer von ihm?
Es hatte schon alles vorhin im Supermarkt angefangen. Er war in der Lebensmittelabteilung und machte noch einige Einkäufe fürs bevorstehende Wochenende.. Die ganze Zeit über hatte er sich schon beobachtet gefühlt. Als würde jemand ihn die ganze Zeit verfolgen. Zunehmend unruhiger hatte er sich immer immer wieder umgedreht. Doch da war niemand Auffälliges. „Komisch..!“, hatte er gemurmelt und alles auf seinen stressigen Arbeitstag geschoben. Selbst an der Kasse war alles anders als sonst. Die Kassiererin schaute ihn mit so einem seltsamen Blick an und als sie „Schönes Wochenende!“ sagte, spürte er eine Spur von Ironie. Hastig verstaute er seinen Einkauf in seiner Tasche und verließ den Supermarkt.
Auf dem Kundenparkplatz wurde es zunehmend leerer, so war es doch auch schon kurz nach 8. Unruhig ließ er seinen Blick über den Parkplatz schweifen. Wo war sein Auto? Einen kurzen Moment stieg Panik in ihm auf. Doch dann entdeckte er es, direkt neben einem silbernen Kombi. Zielstrebig lief er auf sein Auto zu, stieg ein und fuhr los. Er hatte schon fast den Parkplatz verlassen, als er etwas im Rückspiegel entdeckte: den Kombi. Hinter dem Steuer saß ein dunkel gekleideter Mann mit Sonnenbrille. Komisch? Hatte er den nicht vorhin in der Gemüseabteilung gesehn? In einem anderen Geschäft? Ach, er wusste es nicht mehr!
Er fuhr jetzt auch los! Er wurde wieder unruhiger und drückte kräftig aufs Gaspedal. Er hatte ein ungutes Gefühl bei der ganzen Sache. Die Reifen quitschten ohrenbetäubend. Er musste jetzt noch gut zwanzig Minuten bis nach Hause fahren. Seine Gedanken schweiften zwar immer wieder ab, aber den silberne Kombi konnte er einfach nicht vergessen. War es Einbildung? War er einfach überspannt und nur ein dummer Zufall, dass der Mann im gleichen Supermarkt wie er eingekauft hatte und zur gleichen Zeit wieder verlassen hatte? Ja, ganz bestimmt. Es musste eine plausible Erklärung geben! Er spürte, wie er sich wieder entspannte. Dennoch konnte er es nicht lassen immer wieder unruhige Blicke in den Rückspiegel zu werfen. Der seltsame Kombi war noch da.
Nervös fummelte er am Autoradio um, stellte einen Sender ein. Verkehrsnachrichten. Er hörte zwar die Stimme der Moderatorin, konnte sich aber nicht auf das Gesagte konzentrieren. Ein Blick in den Rückspiegel. Tatsächlich!!! Er konnte seinen Augen nicht trauen! Der Kombi bog in diesem Moment rechts in eine Straße ein. Erleichterung überwältigte ihn. Siehste mal! Was du dir wieder für Geschichten ausdenkst! Verfolgung! Pah! Er war doch wohl nicht in einem Agentenfilm! Ein kleines Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus. War also doch alles nur Einbildung!
Schlagartig war seine Angespanntheit verschwunden. Er begann sogar zu einem Lied im Radio zu pfeifen und mitzusingen. „That’s why I’m easy , I’m easy like Sunday morning” sang er beschwingt und bog schließlich in seine Straße, wo er wohnte, ein. Er parkte, schnappte sich seine Einkäufe und stieg die Stufen zu seiner Wohnung auf. Er seufzte erleichtert auf, nachdem er die Einkäufe in den Küchenschränken verstaut und sich aufs Sofa gelegt hatte. Ach! Endlich…endlich konnte er sich seinem wohlverdienten Wochenende widmen!
Sein Handy vibrierte und die SMS-Melodie ertönte. Ah! Das war bestimmt seine Freundin Nora! Blitzschnell kramte er sein Handy aus der Hosentasche und warf einen Blick auf das Display: „Eine neue Textmeldung von unbekannter Rufnr.“ Hm..also doch nicht Nora! Aber wer dann? Er stieß einen Laut des Entsetzens aus, als er die SMS gelesen hatte. Herzklopfen, Panik! Sollte das ein Witz sein? Aber er zweifelte nicht am Ernst des Textes: „Hey, schau aus deinem Küchenfenster. Wir wissen alles über dich, deine schmutzigen Geschäfte. Rück die Kohle raus. Keine Polizei!“ Seltsam..höchst seltsam. Mit unsicheren Schritten lief er in die Küche. Ein Blick aus dem Fenster. Zwei Männer mit Sonnenbrille. Der silberne Kombi! Einer der Männer (der ihn vorhin nicht verfolgt hatte) blickte düster in seine Richtung. Ihre Blicke trafen sich. Er schauderte. Dieser Blick! Er hatte noch nie in solche kalten Augen geblickt. Die Panik, die er schon während der Verfolgung gehabt hatte, stieg erneut in ihm hoch. Die Männer waren kräftig gebaut. Sie wollten Geld von ihm. Das war klar. Er hatte sich noch nie so ausgeliefert gefühlt, so machtlos. Aber warum das alles, warum?
Er setzte sich auf einen Küchenhocker, stütze die Arme auf, vergrub seinen Kopf in seinen Händen. Scheiße, scheiße!, fluchte er. Der Schlüssel zu diesem Rätsel lag natürlich in seiner Vergangenheit. Ja..seine schwarze Vergangenheit. Die Typen da draußen hatten ja Recht. Was er früher nicht alles Illegales getan hatte. Doch in manchen Branchen lief das nun mal so. Wenn man sich hocharbeiten wollte, musste man..nunja…auch mal über…Leichen gehen…! Tränen stiegen in seine Augen. Er hatte das doch mit dem Mann nicht gewollt…es war gewissermaßen..naja..ein Unfall gewesen. Und es war doch bestimmt auch schon über 20 Jahre her. Schweig, schweig!, fuhr er sich selbst an! Du tust es schon wieder. Du verharmlost das, was du getan hast!! Die Sonnenbrillen-Typen mussten wohl davon Wind bekommen haben..wer weiß. Und in seiner Stellung – da war nunmal einfach erpressbar! Skandale konnte er sich beim besten Willen nicht leisten!!! Scheiße, fluchte er erneut. Und wenn er das Geld bezahlte? Dann wollten sie bestimmt immer mehr und mehr..bis er pleite war. Und wenn er nicht bezahlte? Dann würden sie ihn todsicher verraten, ihn ruinieren, seine Karriere! Überall würde es stehen, überall. Todsicher. Er hörte schon die Radioberichte, sah schon die Schlagzeilen der Tageszeitungen. Er wimmerte leise. Ob finanzieller Ruin oder Karriere-Ruin – egal, was er wählte. Die Typen da draußen vor seinem Haus würden ihn gnadenlos fertig machen… Aber für das, was er getan hatte, dachte er bitter, hatte er das wohl auch verdient.